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Abfallwirtschaftliche Rolle der Abfallverbrennung: Zusammenspiel mit Recycling und Deponierung
VKU: Abfallverbrennung – integraler Bestandteil der deutschen Energie und Kreislaufwirtschaft

2014-09-06 Im Jahr 2010 sind in Deutschland etwa 50 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle angefallen, von denen etwa 31 Millionen Tonnen dem Recycling zugeführt wurden (63 Prozent), davon 25 Millionen Tonnen als getrennt gesammelte Fraktionen wie Bioabfall, Altglas, Altpapier und Leichtverpackungen. Die Kommunen sind für die Sammlung und Entsorgung aller mengenmäßig großen Siedlungsabfallarten zuständig außer Altglas und Leichtverpackungen – im Jahr 2012 von etwa 37 Millionen Tonnen. Nahezu 21 Millionen Tonnen davon waren Hausmüll, Sperrmüll und hausmüllähnliche Gewerbeabfälle. In den nicht getrennt erfassten Siedlungsabfällen gibt es noch ein gewisses Potenzial an Stoffen, die für ein hochwertiges Recycling geeignet wären. Deshalb verbessern die kommunalen Unternehmen kontinuierlich ihre Erfassungssysteme, um die Wertstoffmenge weiter zu steigern. Das mittelfristig realistische Wertstoffpotenzial im Restabfall wird vom VKU in seiner Recyclingstrategie auf circa 60 Kilogramm pro Einwohner und Jahr oder insgesamt 4,8 Millionen Tonnen pro Jahr an Wertstoffen geschätzt; das entspricht etwa einem Viertel der derzeitigen Restabfälle.

Aber nicht alle Abfälle können recycelt werden, schon gar nicht unter Nachhaltigkeitsaspekten hochwertig. Insbesondere die Verwertung zum Beispiel von Gemischen, Verpackungen aus Kunststoffen und Verbunden ist nur zum Teil stofflich möglich. Und bei Aufbereitungs- und Recyclingprozessen entstehen wiederum Abfälle, wenn Störstoffe und Materialien minderer Qualität ausgeschleust werden. Abfälle, die energiehaltig sind und nicht hochwertig recycelt werden können, dürfen aber auch nicht deponiert werden. Zu deponieren sind nur die nicht verwertbaren mineralischen und bestimmte gefährliche Abfälle. Dies entspricht der Hierarchie der Abfallbewirtschaftungsmaßnahmen der EU.

2 bis 4 Prozent der in die Müllheizkraftwerke gelangenden Siedlungsabfälle sind Metalle, die mit einem Abscheidegrad von etwa 90 Prozent nach der Verbrennung aus der Schlacke zurückgewonnen werden können. Dieses Potenzial an Metallen steht in „thermisch gereinigter“ Form für eine Sekundärverhüttung zur Verfügung und vermeidet damit die entsprechende Menge an Primärgewinnung. Auch aus komplexen Verbunden werden die Metalle dabei freigesetzt. Die mineralische Fraktion der Schlacke kann zum Beispiel im Deponie- oder Straßenbau als Baustoff verwertet werden.

In beiderlei Hinsicht, bei Restabfällen und Sortierresten u.ä., gewährleistet die Abfallverbrennung zugleich die Entsorgungssicherheit und die maximale Verwertung. Die gesetzlich und politisch geforderten Gesamtverwertungsquoten können nur im Zusammenspiel von stofflichem Recycling und energetischer Nutzung erreicht werden. Eine auf Ressourcenschutz ausgerichtete Kreislaufwirtschaft braucht deshalb die thermische Entsorgung, und es macht Sinn, heizwertreiche Abfälle zu verbrennen und aus ihnen Energie zurückzugewinnen. Nur so kann der größtmögliche Nutzen aus der Abfallbewirtschaftung erzielt werden. Die thermische Behandlung von Siedlungsabfällen ist daher nicht Konkurrenz zum Recycling, sondern dessen abfallwirtschaftliche Ergänzung.

Schutz von Umwelt und Gesundheit

Die abfallwirtschaftlichen Hauptfunktionen der Abfallverbrennung als Behandlungsverfahren sind die Hygienisierung der Siedlungsabfälle, die Reduzierung von Abfallmasse und -volumen sowie die Zerstörung von möglicherweise enthaltenen Schadstoffen oder deren Konzentrierung und Ausschleusung über die Filterstäube.

Die Abfallverbrennung ist in der Siedlungsabfallwirtschaft die einzige Technologie zur tatsächlichen Zerstörung von Schadstoffen und zur Ausschleusung der nicht zerstörbaren umweltschädlichen Schwer- und Nichteisenmetalle und somit die einzige umfassende Schadstoffsenke. In der aufwändigen Rauchgasreinigung, deren Errichtung bis zu zwei Drittel der Investitionen einer solchen Anlage verursacht, werden Staub und gasförmige Schadstoffe weitestgehend aus dem Abgas herausgefiltert. Die Bedeutung der thermischen Abfallverwertung als Schadstoffsenke kann nicht hoch genug geschätzt werden. Bevölkerung, Kommunen und Gesetzgeber stellen höchste Anforderungen an die Anlagen, und die deutschen Immissionsgrenzwerte sind EU-weit die strengsten. Deshalb ist die deutsche Abfallverbrennung auf einem äußerst hohen Umweltschutzniveau und neben dem Recycling getrennt gesammelter Abfälle und der Deponierung eine der drei Grundsäulen der Abfallwirtschaft, für die auch langfristig Bedarf besteht.

Energiewirtschaftliche Rolle der Abfallverbrennung

Im Jahr 2013 stellte die Verbrennung von Siedlungsabfällen weniger als 1 Prozent der deutschen Stromproduktion bereit. Damit ist die Produktion von Strom aus Abfällen im energiewirtschaftlichen Gesamtzusammenhang von untergeordneter Bedeutung. Viel wichtiger ist der Beitrag der Produktion von Fernwärme und -kälte aus Abfällen. Die Müllheizkraftwerke haben eine wichtige Rolle als Grundlastversorger für die städtischen Fernwärmenetze und in manchen Fällen als Lieferanten von Prozessdampf für große Industrieunternehmen. Die Siedlungsabfallverbrennungsanlagen sind deshalb fester Bestandteil der jeweiligen regionalen Energieversorgung. Im Jahr 2009 lieferten die 70 deutschen Müllheizkraftwerke mit 14 Terrawattstunden Wärme und Kälte sowie 6 Terrawattstunden Strom so viel Energie, um über 3 Millionen Menschen mit Strom und 2 Millionen Menschen mit Raumwärme zu versorgen.

Ausnahmslos gewinnen die Siedlungsabfallverbrennungsanlagen mit hoher Effizienz aus den Abfällen Energie zurück, man spricht deshalb auch von energetischer oder thermischer Verwertung. Oftmals wird der mit der Hitze aus dem Verbrennungsprozess erzeugte Dampf unter den energetisch vorteilhaften Bedingungen der Kraft-Wärme-Kopplung zur gleichzeitigen Strom- und Fernwärme- /Prozesswärmebereitstellung genutzt.

Klima- und Ressourcenschutz

Die Abfallverbrennung leistet einen doppelten Beitrag zum Klimaschutz: Zum einen wurde – um die Atmosphäre vor Methanemissionen zu schützen – 2005 die Deponierung unvorbehandelter Siedlungsabfälle in Deutschland beendet. Diese Abfälle werden seitdem erst vorbehandelt, recycelt oder direkt thermisch verwertet. Zwischen 1997 und 2009 sank so die Ablagerungsquote von nicht vorbehandelten Siedlungsabfällen von 39 auf unter ein Prozent. Durch diese Schließung der Deponien für unvorbehandelte Siedlungsabfälle erreichte die kommunale Abfallwirtschaft von 1990 bis 2010 die Vermeidung von 1,2 Millionen Tonnen Methan-Emissionen pro Jahr (entspricht 29,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr). Das war eine Reduzierung um fast 80 Prozent und entsprach zugleich etwa zehn Prozent der erreichten Gesamtreduktion der deutschen Treibhausgasemissionen. Dieser Erfolg wäre ohne die Abfallverbrennung nicht möglich gewesen.

Zum anderen wurden über die Bereitstellung von Energie und Sekundärrohstoffen durch Müllheizkraftwerke klimaschädliche CO2-Emissionen vermieden. Setzt man den über die thermische Behandlung von Siedlungsabfällen gewonnenen Energien und den über die Aufbereitung der Schlacken gewonnenen Metallschrotten die Emissionen an Treibhausgasen entgegen, die ansonsten bei der Produktion dieser Mengen an Strom, Wärme und Metallen aus Primärressourcen angefallen wären (Gutschriftmethode), so zeigt sich für das Jahr 2009 die Vermeidung von fast 4 Millionen Tonnen klimaschädlicher CO2-Emissionen. Das entsprach den Emissionen von mehr als 1,5 Millionen Deutschen mit Wohnen, Heizen, Autofahren usw. Rund die Hälfte der über den Abfall eingebrachten Energie stammt dabei aus dessen biologischen Anteilen. Die daraus gewonnenen Strom und Wärme sind als erneuerbare Energien aus Biomasse anerkannt. Regional sind viele MHKWs die größten Produzenten von Ökostrom und Ökowärme.

Zukunftsperspektive der Abfallverbrennung

Es ist wegen der Zunahme der Getrenntsammlung von Abfällen für das Recycling, der Abfallvermeidung und Wiederverwendung sowie der demographischen Entwicklung von einem stetig verminderten Mengenaufkommen für die Abfallverbrennung, also von einem „schrumpfenden Markt“ auszugehen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung kann nicht genau bestimmt werden. Dennoch wird die thermische Verwertung von Siedlungsabfällen auch zukünftig eine der Säulen der Abfallwirtschaft bleiben. Sie gewährleistet im Auftrag der Kommunen die Entsorgungssicherheit für brennbare Abfälle aus Haushalten und Gewerbe unabhängig von kurzfristigen Entwicklungen.

In Bezug auf die Verbrennungskapazitäten ist in den letzten Jahren in Deutschland erheblich modernisiert, neugebaut und neu bewirtschaftet worden, sodass derzeit in der Summe aller thermischen Verwertungswege eine gewisse Überversorgung mit Kapazitäten besteht. Bei der Bewertung dieser Angebotssituation müssen notwendige Kapazitätsreserven aus Gründen der Entsorgungssicherheit berücksichtigt werden. Die Kapazitätssituation wird mittel- bis langfristig über eine Marktanpassung wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden: Dies wird in dem Zuge erfolgen, in dem die Betreiber der Anlagen ohnehin über Investitionen in ihre Anlagen über deren Lebensdauer entscheiden. Nicht rentable, einzelne nicht mehr benötigte oder mit unverhältnismäßigem Aufwand modernisierbare Anlagen bzw. Verbrennungslinien werden damit dem Markt nicht mehr zur Verfügung stehen. Dabei sind ökonomische, ökologische und soziale Aspekte zu beachten, und insbesondere die kommunalen Unternehmen gehen mit dieser komplexen Herausforderung verantwortlich um. Es können auch die Durchsätze ausgewählter Verbrennungslinien in Monaten mit geringerem Fernwärmebedarf reduziert werden und die Abfälle für die bedarfsstarken Monate zwischengelagert werden. In vielen EU-Mitgliedstaaten findet nach wie vor in unterschiedlichem Ausmaß die klimaschädliche Deponierung hochwertiger recycelbarer sowie energiehaltiger Abfälle statt; zugleich fehlen ökoeffiziente Aufbereitungs-, Recycling und Verbrennungsanlagen. Als Überbrückungsmechanismus bietet es sich deshalb an, diese Mitgliedstaaten mit der energetischen Verwertung eines Teils ihrer dafür geeigneten Abfälle zu unterstützen, bis sie die benötigten Anlagen aufgebaut haben. Dies kann jedoch tatsächlich nur eine Übergangslösung sein: Das Nähe- und Autarkieprinzip muss langfristig gewahrt sein.

Strom, Fernwärme, Kälte und Prozessdampf aus der thermischen Abfallverwertung ersetzen Energie aus fossilen Brennstoffen und sind praktizierter Klimaschutz und Teil der Energiewende. Die Bedeutung der Müllheizkraftwerke wird noch größer werden, in erster Linie als Lieferanten langfristig sicherer, ökologisch vorteilhafter und preiswerter Fernwärme und Fernkälte: einerseits wenn aufgrund des Klimaschutzes nach und nach immer mehr fossil befeuerte Kraftwerke stillgelegt werden, die heute neben Strom auch Fernwärme liefern, und andererseits, wenn mit dem Fortschreiten des Klimawandels der Kältebedarf ansteigt. Damit die Energiebereitstellung wirkungsvoll weiter gesteigert werden kann, ist vor allem eine gezielte Förderung des Fernwärmenetzausbaus notwendig. Das würde eine weitere Steigerung der Energieeffizienz und damit praktizierten Klimaschutz ermöglichen. Eine Möglichkeit dafür ist der Erlass von Fernwärmeversorgungssatzungen mit Anschluss- und Benutzungszwang, der im Bauplanungsrecht verpflichtend verankert werden sollte.

Quelle: Datum: 20.06.2014 Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) vertritt über 1.400 kommunalwirtschaftliche Unternehmen in den Bereichen Energie, Wasser/Abwasser und Abfallwirtschaft. Mit 235.000 Beschäftigten wurden 2010 Umsatzerlöse von rund 95 Milliarden Euro erwirtschaftet und etwa 8 Milliarden Euro investiert. Die VKU-Mitgliedsunternehmen haben im Endkundensegment einen Marktanteil von 49,1 Prozent in der Strom-, 58,4 Prozent in der Erdgas-, 77,2 Prozent in der Trinkwasser-, 60,0 Prozent in der Wärmeversorgung und 16,5 Prozent in der Abwasserentsorgung.


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