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Umweltministerium beginnt Gespräche mit Bergbauunternehmen
Niedersachsen: Untersuchung der Bohrschlammgruben

Das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz und die Bergbauunternehmen - vertreten durch den Wirtschaftsverband Erdöl und Erdgasgewinnung (WEG) - haben Donnerstag)vereinbart, Gespräche aufzunehmen. Dabei steht eine finanzielle Beteiligung der Bergbauunternehmen an der Untersuchung von möglicherweise von historischen Bohrschlammgruben ausgehenden Umweltbelastungen im Vordergrund.

Der WEG hat seine Bereitschaft hierzu dem Ministerium erklärt. Ziel ist es, in den anberaumten Gesprächen nach konstruktiven Lösungen unter Einbeziehung aller Beteiligten zu suchen.

Der Umgang und die Entsorgung von Bohrschlamm haben sich in den 150 Jahren der Erdöl- und Erdgasproduktion stetig weiterentwickelt. Nach dem Stand der Technik kann heute auf eine Deponierung in obertägigen Gruben gänzlich verzichtet werden.

Bereits vor der aktuellen Diskussion wurde konkreten Hinweisen auf mögliche Belastungen an Standorten auch Jahrzehnte nach Beendigung des Betriebes nachgegangen. Im Falle vorliegender Gefährdungen wurden Standorte geräumt oder nachhaltig gesichert.

Eine rechtliche Verpflichtung für eine Beteiligung an orientierenden Untersuchungen bei Bohrschlammgruben, die aus der Bergaufsicht entlassen wurden, besteht nach Ansicht der Bergbauunternehmen nicht. Das Umweltministerium geht jedoch von einem großen Interesse der Unternehmen an einer abschließenden Klärung des Themas aus.

Was sind Schlammgruben?

In Niedersachsen werden Kohlenwasserstoffe (Erdöl und Erdgas) seit den 1850er Jahren gefördert. Schon damals wurden einfache Gruben zur Ablagerung von Grabungs- oder Bohrrückständen genutzt. Bis in die 1960iger Jahre war es gängige Praxis, neben jeder Tiefbohrung eine kleine „Schlammgrube" anzulegen, sofern die Rückstände nicht sofort verwertet wurden. Später wurden Bohrrückstände mehrerer Bohrungen in einer zentralen Bohrschlammgrube abgelagert.

Die ölhaltigen Rückstände wurden in speziellen Ölschlammgruben gesammelt und dort für einen begrenzten Zeitraum zwischengelagert. Seit den 1980er Jahren wurden Ölschlammgruben von der Bergbehörde als vorübergehende Einrichtungen genehmigt, die in der Regel spätestens mit Ende des Betriebes vollständig zurückgebaut wurden.

Bei allen anderen ehemaligen Bohrschlammgruben wurde nach Betriebsende entschieden, wie der Standort wieder nutzbar gemacht werden konnte (Entfernung des Bohrschlamms, Sanierung der Grube, Verbleib des Bohrschlamms an Ort und Stelle mit Rekultivierung etc.).

Bohr- und Ölschlammgruben werden heutzutage nicht mehr benötigt. Die Möglichkeiten der Entsorgung dieser Abfälle haben sich grundlegend geändert, so dass Rückstände aus Bohrungen außerhalb der Bergbaubetriebe nach dem Kreislaufwirtschaftsrecht zu entsorgen sind. Neue Bohrschlammgruben wurden seit vielen Jahren nicht mehr genehmigt.

Was wurde in Schlammgruben entsorgt?

Die „jüngeren" Bohrschlammgruben dienten in der Regel zur Entsorgung von Bohrspülungen. Bohrspülungen bestehen zu 60 bis 95 % aus Wasser und zu fünf bis 15 % aus Bohrklein (erbohrtes Gestein). Weiterhin können geringe Mengen an Stärke, Schwerspat, Kreide, Ton (Bentonit), Natronlauge und Polymeren enthalten sein. Einige Bohrspülungen beinhalten auch Salze (bei Salzspülungen) und Anteile von Schmierstoffen.

In den Ölschlammgruben wurden ölhaltige Rückstände aus den Förderbetrieben und zum Teil ölhaltige Spülungen zwischengelagert. Sie enthielten neben flüssigen auch feste Bestandteile.

Wie groß sind Schlammgruben?

Schlammgruben können aus einem oder mehreren Becken bestehen. Die dabei in Anspruch genommene Fläche kann im Einzelfall mehrere Hektar umfassen.

Wie viele Schlammgruben gibt es?

Eine genaue Anzahl der Bohrschlammgruben in Niedersachsen kann zurzeit nicht angegeben werden.

Die Anzahl der Bohrschlammgruben hängt indirekt mit den Bohrungen in Niedersachsen zusammen. So wurden in Niedersachsen seit den 1850er Jahren etwa 9000 Bohrungen mit einer Tiefe von mehr als 500 Meter durch die Unternehmen der Erdöl- und Erdgasindustrie durchgeführt. Es wurde jedoch nicht zwangsläufig neben jeder Bohrung eine Schlammgrube angelegt. Seit den 1960 Jahren haben die Unternehmen den Bohrschlamm von Bohrstellen in Zentraldeponien entsorgt. Die Gesamtzahl der Schlammgruben liegt somit zwischen mehreren hundert und wenigen tausend. Das LBEG geht von mindestens 400 Schlammgruben in Niedersachsen aus.

Wer ist für die Schlammgruben zuständig?

Derzeit stehen 38 bereits stillgelegte Schlammgruben (einschließlich einer Grube für Bauschutt) sowie eine noch betriebene Schlammgrube unter der Aufsicht des LBEG (s.u.).

Ein Teil dieser stillgelegten Schlammgruben wurde zurückgebaut. Bei einem anderen Teil laufen die Genehmigungsverfahren für die Rekultivierung der Flächen.

Alle unter Bergaufsicht stehenden Schlammgruben werden im Rahmen der Nachsorgephase überwacht (z.B. Grundwasser-Monitoring).

Bohrschlammgruben, bei denen die Bergaufsicht bereits beendet wurde, liegen im Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Unteren Bodenschutzbehörden.

Sind noch Schlammgruben in Betrieb?

In Niedersachsen wird noch eine Schlammgrube betrieben. Dabei handelt es sich um die Ölschlammgrube Rühlermoor. Für diese Ölschlammgrube wird bis Ende des Jahres ein Abschlussbetriebsplan vorgelegt, um die Maßnahmen zum Rückbau und zur Rekultivierung der Flächen festzulegen. Nachdem das Genehmigungsverfahren unter Beteiligung der Behörden und Gemeinden vor Ort abgeschlossen ist, soll mit dem Rückbau der Ölschlammgrube voraussichtlich im Jahr 2015 begonnen werden.

Wo befinden sich die ehemaligen Schlammgruben?

Um die Gesamtsituation zu erfassen, werden zurzeit die mehr als 100 Jahre zurückreichenden Aktenbestände des LBEG über Bohrschlammgruben ausgewertet. Die noch unter Bergaufsicht stehenden 39 Schlammgruben werden in den kommenden Tagen mit Informationen über die Lage, den ehemaligen Betreiber, die Betriebsdauer und die Abfallarten auf dem NIBIS Kartenserver des LBEG veröffentlicht. Der direkte Link auf die Karte:
http://memas02.lbeg.de/cardomap3/?TH=SCHLAMMGRUBEN

Welche Rolle spielte Umweltschutz beim Umgang mit Schlammgruben?

Im Jahr 1859 brachte der Geologe Konrad Hunäus eine der weltweit ersten ölfündigen Bohrungen bei Wietze (Landkreis Celle) nieder. Damit begann die industrielle Erdölförderung in Niedersachsen. Alleine im Landkreis Celle wurden bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere hundert Bohrungen abgeteuft. Die damalige Bergbehörde hat jedoch erst 1904 die Aufsicht über die Erdölproduktion übernommen. Von 1859 bis 1904 durfte also jeder Grundstückseigentümer eine Erdölbohrung auf seinem Boden abteufen und eine Schlammgrube anlegen, ohne die Bergbehörde in Kenntnis zu setzen.

Seit 1904 werden Erdölbohrungen von der Bergbehörde überwacht. Die Erdgasförderung begann in Norddeutschland (Hamburg) 1910.

Bis zur Novellierung (Erneuerung) des Bergrechts im Jahr 1980 endete die Betriebsüberwachung einer Erdöl- oder Erdgasbohrung oder einer Schlammgrube mit dem Ende der Förderung. Umweltstandards, wie sie heute üblich sind, galten damals noch nicht. So gibt es erst seit 1999 ein Bundes-Bodenschutzgesetz. Jedoch endete auch damals die Bergaufsicht erst, wenn davon ausgegangen werden konnte, dass in Zukunft nicht mehr mit Gefahren von den ehemaligen Tätigkeiten zu rechnen war.

Seitdem wurden die Standards, nach denen eine Beendigung der Bergaufsicht möglich ist, laufend an das aktuelle Umwelt- und Deponierecht angepasst.

Was unternimmt das LBEG?

Das LBEG recherchiert gerade systematisch nach Schlammgruben, die mit der Erdöl- und Erdgasförderung in Verbindung stehen könnten, d.h. seit dem Beginn der Erdölförderung in Niedersachsen (1850er Jahre). Zur Vervollständigung der eigenen Rechercheergebnisse wurden die Unteren Bodenschutzbehörden in Niedersachsen sowie alle Unternehmen der Erdöl- und Erdgasindustrie angeschrieben. Nach Eingang der Rückmeldungen erfolgt ein Abgleich der Informationen und eine Überprüfung der Unterlagen. Die Rechercheergebnisse werden regelmäßig veröffentlicht und im Frühjahr 2015 mit einem Zwischenbericht präsentiert.

Eine Arbeitsgruppe, besetzt mit Vertretern des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums, des niedersächsischen Umweltministeriums sowie des LBEG, koordiniert dabei die landesweite Bestandserfassung.

Die Gespräche sollen unverzüglich beginnen und bis Juli 2015 abgeschlossen sein.

erschienen am: 2015-03-05 im europaticker

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