europaticker:
Landschaften haben im Zeichen der „Energiewende“ innerhalb weniger Jahre ihre
Schönheit und Eigenart eingebüßt
Schriftführer der BN-Kreisgruppe München legt Amt nieder und verlässt BUND

Ich lege hiermit mein Amt als Schriftführer der BN-Kreisgruppe München nieder und erkläre zugleich meinen Austritt aus dem BUND Naturschutz; schreibt Georg Etscheit*) im Dezember 2015 in einem an die Öffentlichkeit gerichteten Brief. Als Grund nennt der Umweltaktivist den ungebremsten Ausbau der Windenergie und bezieht sich auf eine Aussage seines Vaters: Der sagte, er halte deren Anblick nicht aus, die Tristesse, den Verlust des Gewachsenen, der Schönheit. Heute beginne ich, die Orte meiner Kindheit und Jugend zu meiden, den Hunsrück, den Vogelsberg, Mainfranken. Ich halte es nicht aus, dass diese Landschaften im Zeichen der „Energiewende“ innerhalb weniger Jahre ihre Schönheit und Eigenart eingebüßt haben.

Meinung unserer Leser:

"Heute beginne ich, die Orte meiner Kindheit und Jugend zu meiden, den Hunsrück, den Vogelsberg, Mainfranken. Ich halte es nicht aus, dass diese Landschaften im Zeichen der „Energiewende“ innerhalb weniger Jahre ihre Schönheit und Eigenart eingebüßt haben...."

Diesem Satz kann ich 100%ig zustimmen. Ich empfinde es ganz, ganz, ganz genauso.... Auch ich halte es kaum noch aus, und es schmerzt mich ungeheuer, wie unsere vertraute ländliche Umgebung mit hoher Geschwindigkeit und im Namen hehrer Ziele in eine hässliche Industrielandschaft umgewandelt wird. Ich bin am Rande des Vogelsbergs aufgewachsen, dort ist größtenteils alles verspargelt, jetzt geht es in der Kuppenrhön weiter und kein Ende in Sicht. In Unterfranken, wo ich eine glückliche Studienzeit verbrachte, und in Oberfranken, meiner jetzigen Heimat, sieht es nicht anders aus. Auch ich mag nicht mehr über Land fahren, weil ich mich nicht mehr daran freuen kann....

B. Tenhunen


Energiewende ist alternativlos: Braunkohlekritiker werden sich nicht am Volksbegehren gegen Windkraft beteiligen

Braunkohlekritiker werden sich nicht am Volksbegehren gegen Windkraft beteiligen, erklärt Günter Jurischka aus dem von der Abbaggerung bedrohten Ort Proschim. „Nur weil einige Leute keine Windanlagen vor ihrer Haustür haben wollen, sollen in Brandenburg weitere Dörfer vernichtet werden. Dieses egoistische Anliegen werden wir nicht unterstützen“, sagt Jurischka. Die Initiatoren des Volksbegehrens fordern noch größere Abstände von Anlagen und lehnen die Energiewende als „unausgegoren“ ab.  Die Windkraftgegner argumentieren dabei mit Vertretern der Braunkohlelobby und mit Leugnern des anthropogenen Klimawandels. 

„Wenn die Initiatoren des Volksbegehrens den Anblick von Windanlagen nicht mögen, können sie gerne an den Tagebaurand ziehen. Freie Wohnungen stehen genug zur Verfügung“, so Jurischka. Bergschäden an den Häusern, Staub- und Dreckverwehungen aus dem Tagebau und eine extreme Lärmbelastung gäbe es inklusive.

Mit dem Volksbegehren soll erreicht werden, dass der Mindestabstand von Windrädern bis zum nächsten Wohnhaus der zehnfachen Höhe des Windrades entsprechen muss (10-H-Regelung): „Das bedeutet einen faktischen Ausbaustopp für die erneuerbare Energiequelle“, sagt die Vorsitzende des Welzower Umweltausschusses Hannelore Wodkte. In Brandenburg gelte schon heute ein Mindestabstand von 1.000 Meter zwischen neuen Anlagen und der Wohnbebauung. Die Abstände werden von den regionalen Planungsgemeinschaften festgelegt. Ein Privileg, das bei Braunkohletagebauen nicht zum Tragen kommt. Dort sollen die neuen Gruben sogar bis auf wenige hundert Meter an die Häuser herankommen, so Wodkte.

„Wenn die Greifzähne des Förderbaggers das Gestein wegbaggern, hört sich das an wie als wenn Fingernägel auf einer Tafel langziehen, und das in Stadionlautstärke“, berichtet Wodkte. Für die Anwohner von Tagebauen gelten Rechtsvorschriften wie die im Bundesemmissionsschutzgesetz angesiedelten „TA Lärm“ (Technische Anleitung zum Schutz vor Lärm) nicht: „Für uns gilt oft nur das Bergrecht, dadurch werden Rechte außer Kraft setzt“, sagt Wodkte.

Für Grünenpolitikerin Karin Noack aus Welzow ist der verantwortungsvolle Ausbau der Erneuerbaren Energien „alternativlos“. Man müsse sich vor Augen führen, dass fossile Energien endlich sind: „Was einmal abgebaggert ist, ist ein für alle Mal weg und die Landschaft ist zerstört“, sagt Noack: Windanlagen hingegen können nach Ende der „Dienstzeit“ einfach wieder abgebaut werden. "Die Folgen des Braunkohleabbaus hingegen werden uns noch ewig begleiten und schließlich muss man auch an die folgenden Generationen denken" Widerstände gegen den Ausbau der Erneuerbaren Energien von Anwohnern am Rand des Tagebaus gibt es indes kaum. Rund um Welzow wird schon heute eine deutlicher Überschuss an Strom aus Erneuerbaren Energien produziert. Allein im Dorf Proschim sind 850 KWp Fotovoltaikanlagen und eine Biogasanlage von 536 KWel installiert. In direkter Nachbarschaft zum Abbaugebiet wurden bereits im Jahr 1997 vier Windkraftanlagen aufgestellt, um Alternativen zur Braunkohle aufzubauen. Aktuell sind es bereits acht.
Hannelore Wodtk, Allianz für Welzow e


Alte Kulturlandschaften haben sich in Windeseile in verspiegelte, verspargelte, verdrahtete, vermaiste Energielandschaften verwandelt. Ausgerechnet jene Orte, die bislang von den gröbsten Folgen der Industrialisierung verschont geblieben waren, die Mittelgebirge, sind jetzt das Dorado der „Erneuerbaren“Industrie.

Eines politischindustriellen Komplexes, der es, an Korrumpierbarkeit, Gier und Rücksichtslosigkeit gegenüber Umweltbelangen mit den so geschmähten Atomkonzernen längst aufnehmen kann. Nein, Deutschland ist schon heute vielerorts kein schönes Land mehr, heißt es in der umfangreichen Erklärung, die Europaticker vorliegt.

Auch der bisherige Vorsitzende des BUND-Kreisverbands Altenkirchen, Emst-Gerhard Borowski, hat nach 20 Jahren Mitgliedschaft, wie am Wochenende bekannt wurde, seinen Austritt aus der Umweltschutzorganisation erklärt. Zuvor hatte der Ex-Landesvorsitzende Harry Neumann aus dem Westerwaldkreis dem BUND den Rücken gekehrt. Die beiden Austritte waren laut Borowski nicht abgestinmt, haben aber dieselbe Ursache. Wie auch Harry Neumann wollte sich der Leiter der Altenkirchener Kreisgruppe nicht länger vom BUND-Landesvorstand gängel lassen. Als die Altenkirchener vor einigen Monaten Kritik an Plänen für Windkraftanlagen im Wildenburger Land äußerten, hatte sich der Landesvorstand anschließend bei der Mainzer Landesregierung dafür entschuldigt.

"Dass dies alles vielfach mit dem Segen, ja unter tatkräftiger Mithilfe der etablierten Umweltverbände geschieht und einer Partei, deren Mitglieder sich immer noch grün nennen ohne rot zu werden, diese Tatsache macht mich wütend und hilflos. Der Landschaftsschutz, die einstige Königsdisziplin des Umweltschutzes, ist auf der Rangordnung umweltpolitischer Prioritäten ganz nach unten gerutscht oder völlig von der Agenda verschwunden. Schönheit gilt allenfalls als weicher Faktor, als Gedöns, als vernachlässigbar. Noch wütender und hilfloser macht es mich, wenn die ästhetisch zerstörerische Wirkung von Windparks in der Landschaft schlichtweg geleugnet und Kritikern ein falsches Bewusstsein unterstellt wird", schreibt das ehemalige BUND-Mitglied.

Windräder seien schön, heißt es. Und natürlich alternativlos. Habe sich die Landschaft nicht schon immer verändert? Wenn dann moderne Windkraftwerke, 200 Meter hoch und nachts rot befeuert, mit alten holländischen Windmühlen verglichen werden, bleibt einem ob solcher Ignoranz schlicht die Spucke weg, empört sich Etscheit.

Etscheid erinnert sich: "Ich hatte zu Anfang diesen Jahres Gelegenheit, zusammen mit dem früheren BUND-Vorsitzenden in Rheinland-Pfalz, Harry Neumann, einem ebenso sympathischen wie Kenntnis reichen Landschafts- und Artenschützer, eine Informationsfahrt durch Soonwald und Hunsrück zu unternehmen. Erinnerungslandschaften nurmehr. Ich traute meinen Augen nicht: Weit und breit, bis an den fernen Horizont recken sich Hunderte von Windkraftwerken in den Himmel und verwandeln diese Gegenden in ein riesiges Industriegebiet. Eine großräumige Planung hatte es augenscheinlich nicht gegeben oder sie wurde schlicht ausgehebelt, um eine Art Wettstreit um den Bau möglichst vieler Windräder unter den Kommunen anzufachen. Und es sollen noch viel mehr werden im einst schönen Rheinland-Pfalz mit Landschaften wie dem Rheinhessischen Hügelland, die an die Toskana erinnerten, zumindest wenn es nach dem Willen der grünen Wirtschaftsministerin Evelyne Lemke geht, der selbst das Weltkulturerbe Mittelrheintal nicht heilig ist".

Den BUND in Rheinland-Pfalz, personell engstens verbandelt mit den grünen Ministerien, hat diese rücksichtslose Ausbeutung und Verschandelung von Natur und Landschaft in eine veritable Sinn- und Vertrauenskrise gestürzt, heißt es in dem Brief Etscheits.

*) Georg Etscheit ist freier Mitarbeiter von ZEIT ONLINE und DIE ZEIT. Er schreibt über sich: geboren in Wiesbaden, aufgewachsen im Weinland Rheingau. Dort auch erste journalistische Gehversuche als freier Mitarbeiter beim "Rheingau-Echo". Studium der Journalistik, Politischen Wissenschaft, Geschichte Osteuropas und der russischen Sprache an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sowie in Frankfurt am Main und Moskau. Volontariat bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa), anschließend Redakteur im Auslandsressort der Hamburger dpa-Zentrale sowie dpa-Korrespondent in Dresden. Seit 1997 neben der Korrespondententätigkeit freie Mitarbeit für DIE ZEIT. Seit 2000 freier Autor und Journalist in München für verschiedene, überregionale Medien. Schwerpunkte sind Wirtschaft & Umwelt, Beruf & Bildung, Kultur (Oper und klassische Musik) sowie alles aus meiner Wahlheimat Bayern.
Bild: Zeit online

erschienen am: 2016-01-11 im europaticker

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