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Noch in den 1950er Jahren waren die Schweizer Gewässer stark durch Siedlungs-, Gewerbe-,
und Industrieabwasser verschmutzt
Schweizer Abwasserreinigung - Eine Erfolgsgeschichte

Die Schweizer Abwasserreinigung ist eine Erfolgsgeschichte: Noch vor 60 Jahren konnte die Bevölkerung nicht sorglos in Schweizer Gewässern baden. Dass dies heute ganz anders ist, ist dem Aufbau der heutigen Kanalisationen, Abwasserreinigungsanlagen und weiteren Bauwerken der Abwasserentsorgung zu verdanken, die der Bund mitfinanziert hat. Insgesamt 5.3 Milliarden CHF an Subventionen wurden an die Gemeinden bezahlt. 2017 wird der Bund die letzten 10 Millionen auszahlen. Ein Dossier zum internationalen Tag des Wassers am 22. März.

Keystone_Neuenburgersee_webNoch in den 1950er Jahren waren die Schweizer Gewässer stark durch Siedlungs-, Gewerbe-, und Industrieabwasser verschmutzt. Schäumende und stinkende Bäche, Fischsterben, Abfälle in Fliessgewässern und Seen waren an der Tagesordnung. Die Wasserqualität war zum Teil so schlecht, dass das Baden aus gesundheitlichen Gründen verboten war. Damals wurden unsere Abwässer grossenteils ungereinigt in die Gewässer eingeleitet.

Die Schweizer Bevölkerung forderte Massnahmen. So wurde die Eidgenössische Volksinitiative „Schutz der Gewässer gegen Verunreinigung“ lanciert. Auch die Politik nahm das Anliegen ernst und realisierte, dass der Bau von Kanalisationen und Abwasserreinigungsanlagen (ARA) dringend notwendig war. Die Wasserqualität und somit der Schutz der Wasserlebewesen und der Bevölkerung verbesserten sich durch das Generationenwerk in den letzten 60 Jahren massiv.
© Keystone/Neuenburgersee/1964


Verschmutzte Gewässer in der Vergangenheit

Vor rund 50 bis 60 Jahren konnte man – ganz anders als heute – nicht einfach bedenkenlos in den Schweizer Bächen, Flüssen und Seen schwimmen. Eine Abwasserreinigung, wie wir sie heute kennen, war bis vor einigen Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit. Siedlungs-, Gewerbe- und Industrieabwässer wurden ungereinigt in die Gewässer abgleitet. Die Verschmutzung nahm stetig zu und führte zu stinkenden Gewässern, Algenteppichen und Schaumbergen.

Hohe Nährstoffeinträge z.B. mit Stickstoff und Phosphor aus dem Gebrauch von Waschmitteln oder aus der Textilindustrie begünstigten ein übermässiges Wachstum von Algen. Diese bildeten Teppiche und wurden zum zweifachen Problem: Einerseits stellten sie ein Hindernis für die Schifffahrt dar und mussten regelmässig mit sogenannten „Seekühen“ (Schiffe, die man zur Beseitigung der Algenmatten einsetzte) entfernt werden; andererseits führten sie zu Sauerstoffmangel in den tieferen Lagen der Seen und in der Folge zu massivem Fischsterben. Die schlechte Wasserqualität stellte auch ein Gesundheitsrisiko dar: Badeverbote wurden verhängt, und an den Ufern standen Warnschilder, welche auf die gesundheitliche Gefahr hinweisen.

Keystone_Aare_webIm Solothurner Strandbad warnte man 1966 vor den Gefahren der verschmutzten Aare.
© Keystone

Um diesem Zustand entgegenzuwirken, wurden Massnahmen zur Vermeidung und Verminderung von Schadstoffen und deren Einträge in die Gewässer getroffen. Man begann mit dem intensiven Bau von Kanalisationen und Anlagen zur Reinigung von Verschmutztem Abwasser aus Haushalten sowie Industrie- und Gewerbebetrieben. In den ARAs wurden nun Nährstoffe (Kohlenstoff, Phosphor und Stickstoff) und weitere, vor allem biologisch abbaubare Schadstoffe, wirksam aus dem Abwasser entfernt und so dem Wasserkreislauf entzogen. 1986 setzte der Bundesrat dann ein definitives Phosphatverbot in Textilwaschmitteln durch.

Generationenwerk Abwasserreinigung 

Bis 1965 waren 14% der Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz an eine zentrale Kläranlage angeschlossen. Im Jahr 2005 waren es 97%. Damit war das Ausbaupotenzial bis auf 1% ausgeschöpft, da die anderen 2% in zu weit abgelegenen oder zu schwach besiedelten Gebieten wohnen und ein Anschluss nicht sinnvoll ist. Mittlerweile umfasst unser Kanalisationsnetz eine Länge von über 130‘000 km mit 800 angeschlossenen Kläranlagen. Für den Ausbau der gesamten Infrastruktur wurden an die 50 Milliarden CHF ausgegeben. Der Bund hat mit einer Subventionssumme von 5.3 Milliarden CHF dazu beigetragen, das System aufzubauen.

Zentrale Kläranlagen: Anschlussgrad gestern und heute

Seither muss die bestehende Infrastruktur erhalten und auf neue Herausforderungen weiterentwickelt werden. Gemäss dem Gewässerschutzgesetz erheben die Gemeinden und Abwasserverbände dafür eine verursachergerechte Gebühr. Diese Gebühr ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich, je nachdem wie die Abwasserreinigung ausgestaltet ist. Die monatlichen Abwasserreinigungskosten betragen für einen 4-köpfigen Schweizer Haushalt rund 20 bis 70 CHF. Dies kostet eine Familie im Durchschnitt weniger als der monatliche Fernseh- und Telefonanschluss (rund 60 CHF).

Länge des Kanalisationsnetzes in der Schweiz

Wir bleiben dran

Der Zustand der Schweizer Gewässer hat sich seit den 1970er Jahren positiv entwickelt. Der Bau der Abwasserinfrastruktur sowie Verbote und Einschränkungen problematischer Stoffe haben dazu beigetragen, dass sich die Wasserqualität seit den 60er Jahren massiv verbessert hat. Da heute viel weniger ungereinigtes Abwasser in die Gewässer gelangt, ist die Badegewässerqualität fast aller Schweizer Seen und Flüsse wieder sehr gut. Die Ableitung von Fäkalien aus dem Siedlungsgebiet und deren fachgerechte Behandlung in unseren ARA leisten ständig einen zentralen Beitrag an die Hygiene in Siedlungen und an der Gewässerschutz (siehe auch Artikel SVGW (PDF, 215 kB, 16.03.2017) und VSA (PDF, 1 MB, 16.03.2017)).

Ab den 1950er Jahren wurde mit synthetischen Reinigungsmitteln geputzt und gewaschen. Die Stoffe wurden ungefiltert in Bäche und Flüsse abgeleitet, und es kam zur Bildung von Schaumbergen auf der Gewässeroberfläche. Hier zu sehen auf der Aare in Aarburg im Jahr 1962. Heutzutage kann man in den meisten Schweizer Gewässer bedenkenlos schwimmen oder eine Bootstour machen.
© Eawag / Christoph Hurni

Auch in der heutigen Zeit gibt es immer wieder Beispiele, die aufzeigen, wie wichtig eine sorgfältige Trennung von Abwasser und Trinkwasser ist. Wird diese nicht gewährleistet, können Krankheitserreger unser Trinkwasser verseuchen (siehe Beispiele von Verunreinigungen/ Box). Es gibt auch nach wie vor Handlungsbedarf bei der Abwasserreinigung: Die aktuelle Herausforderung stellen Mikroverunreinigungen wie Medikamente, Pflanzenschutzmittel, Chemikalien oder Hormone dar. Diese können durch die ARAs nicht entfernt werden und gelangen in die Gewässer – mit negativen Auswirkungen für die Umwelt.

Obwohl sich bis heute die Wasserqualität stark verbessert hat, gibt es immer noch viel zu tun. So auch im Bereich Landwirtschaft: Insbesondere die kleinen und mittleren Fliessgewässer weisen aufgrund von Einträgen von Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft einen defizitären biologischen Zustand auf, welchen man beheben muss. Moderne und gut ausgerüstete ARAs und ein sorgfältiger Umgang mit Pflanzenschutzmitteln sind auch in Zukunft unabdingbar für eine sichere und gute Wasserqualität in unseren Gewässern.

Mikroverunreinigungen in Fliessgewässern

Beispiele von Verunreinigungen

Im Juli 2015 kam es in le Locle (NE) zu einer Verunreinigung des Trinkwassers mit Fäkalbakterien. Etwa 1‘000 Bewohnerinnen und Bewohner hatten sich durch Trinken des verseuchten Leitungswasser angesteckt und es kam zu zahlreichen Magen-Darm-Erkrankungen.

Im Februar 2008 wurde in Adliswil (ZH) das Trinkwasser verschmutzt, als bei Reparaturarbeiten in der Abwasserreinigungsanlage ca. 60.000 Liter Brauchwasser ins Trinkwasser gelangten. Dabei erkrankten rund 200 Menschen, und die 15‘600 Bewohnerinnen und Bewohner von Adliswil durften temporär nur noch abgekochtes Leitungswasser trinken.

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Ende August 1998 kam es in La Neuveville (BE) zu einer Trinkwasserverschmutzung, die eine Magen-Darm-Epidemie auslöste. 1‘600 Menschen erkrankten, etwa 80% der Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde waren von diesem Zwischenfall betroffen. Von schadhaften Kanalisationsleitungen sickerte Abwasser ins Grundwasser im Gebiet einer Grundwasserfassung und verschmutzte so das Trinkwasser.

erschienen am: 2017-03-20 im europaticker

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