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AWI-Glaziologin Dr. Daniela Jansen erklärt Naturspektakel in der Antarktis
Ein gigantischer Eisberg ist entstanden

Es war nur noch eine Frage der Zeit: In der Antarktis hat sich ein riesiger Eisberg vom Larsen-C-Schelfeis abgelöst. Der Gigant ist fast sieben Mal so groß wie Berlin. Was bedeutet das für die Region? Eine Einschätzung von Daniela Jansen vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Die Glaziologin hat das Phänomen seit Monaten beobachtet.

Zurzeit schaut alle Welt auf die Antarktische Halbinsel. Der Eisberg, der sich nach Angaben unserer Partner vom Projekt MIDAS (www.projectmidas.org ) vom Larsen-C-Schelfeis abgelöst hat, ist etwa 175 Kilometer lang und an seiner breitesten Stelle 50 Kilometer breit. Das heißt, seine Gesamtfläche beträgt rund 5.800 Quadratkilometer. Die Entstehung ließ sich mit Hilfe von Satellitenaufnahmen bestens aus der Ferne beobachten. Da es über große Teile der Antarktischen Halbinsel oft bewölkt ist, kamen hier neben optischen Bildern vermehrt Radaraufnahmen der Satelliten TerraSAR-X und Sentinel-1 zum Einsatz. Diese haben den entscheidenden Vorteil, auch bei Wolkenbedeckung und während der Polarnacht Daten zu liefern.

Der Riss im Schelfeis hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter vorgearbeitet und gerade im letzten Jahr hat er einige große Sätze nach vorne gemacht. Zuletzt trennten nur noch wenige Kilometer die Rissspitze von der Schelfeiskante. Es stellt sich die Frage: Ist dies nur ein spannendes Naturschauspiel oder wird es weitere Folgen für die Region haben? Und gibt es eventuell Auswirkungen auf den Meeresspiegel?

Schelfeise sind ein essentieller Teil der antarktischen Landschaft. Es handelt sich um dicke, schwimmende Platten aus Eis, welche die Küste um die Antarktis säumen. Sie entstehen dadurch, dass Eis durch die Auslassgletscher vom Inland in den Ozean fließt. Dort, wo das Eis das Land verlässt, an der sogenannten Gründungslinie, beginnt es aufzuschwimmen. Wenn mehrere Gletscher in eine Bucht münden, können diese sich zu einem Schelfeis vereinen. Die schwimmenden Schelfeise bedeuten einen direkten Kontakt des Eises zum Ozean. Durch sie können sich Veränderungen im Südozean bis in das Inlandeis fortpflanzen. So wurde zum Beispiel beobachtet, dass Eisschilde im Inland an Masse verlieren, wenn deren Gletscher in Schelfeise münden, welche wiederum in Kontakt mit wärmerem Wasser kommen.

Das Larsen-C-Schelfeis ist das viertgrößte Schelfeis der Antarktis. Es hat eine Fläche von fast 50.000 Quadratkilometern und ist damit etwa so groß wie Niedersachsen. Seine Dicke beträgt in der Nähe der Gründungslinie bis zu 700 Meter, nimmt aber zur vorderen Kante hin auf 200 Meter ab. Da es schwimmt, ragt nur etwa ein Siebtel dieser Mächtigkeit über die Wasseroberfläche hinaus.

Schelfeise schieben sich langsam aber stetig vorwärts Richtung Meer. Die Kante des Larsen-Schelfeises rückt etwa 700 Meter pro Jahr vor. Deshalb ist das Kalben von Tafeleisbergen etwa alle 15 bis 20 Jahre ein natürlicher Teil des Massenhaushaltes. Doch bei den nördlichen Nachbarn des Larsen-C-Schelfeises wurde dieses Gleichgewicht gestört: Statt des regelmäßigen Kalbens mit Zeitintervallen, in denen die Kante wieder vorstoßen konnte, begann sich die Front immer weiter zurückzuziehen. Dieser Prozess mündete schließlich in dem kompletten Zerfall der Schelfeise.

Ist das Larsen-C-Schelfeis nun auch in Gefahr? Einiges spricht dafür, denn es wurde noch nie zuvor beobachtet, dass sich die Kante des Schelfeises so weit zurückgezogen hat. Modellrechnungen zeigen außerdem, dass die neue Front instabil sein könnte. Denn die gesamte Eisplatte steht unter Spannung: Bricht an einer Schlüsselstelle ein Stückchen ab, können sich auch in anderen Teilen Risse ausbreiten, ähnlich wie bei einer Sicherheitsglasscheibe. Dies könnte letztendlich zum Zerfall des Schelfeises führen.

Das Schmelzen von Schelfeisen und Eisbergen würde nichts am Meeresspiegel ändern, da sie bereits im Wasser schwimmen. Allerdings führt der Verlust des Schelfeises dazu, dass die Gletscher direkt ins Meer münden und viel schneller abfließen können als vorher. Genau das wurde im Falle der nördlichen Nachbarn von Larsen-C beobachtet.

Daniela Jansen hat die Entstehung des Eisbergs als Projektpartnerin des MIDAS Projekts (www.projectmidas.org) beobachtet. Dabei handelt es sich um ein Forschungsprojekt der Swansea University, Vereinigtes Königreich. Glaziologen erforschen hier in Feldexperimenten, Satellitenbeobachtungen und Computersimulationen, wie sich Klimaveränderungen auf das Larsen-C-Schelfeis in der Antarktis auswirken.

Antwort des AWI-Modellierers und Klimaforschers Dr. Thomas Rackow auf die Frage: Wohin wird der neue Eisberg jetzt treiben?

„Wie weit der Eisberg treiben wird, hängt unter anderem von der Bodentopographie ab. Er könnte als ganzer Eisberg erhalten bleiben oder schnell in viele kleinere Stücke zerfallen. Im ersten Fall stehen die Chancen gut, dass er zunächst für etwa ein Jahr entlang der Antarktischen Halbinsel durch das Weddellmeer treiben wird. Dann dürfte er Kurs Richtung Nordosten nehmen. Das heißt, er würde in etwa Südgeorgien oder die Süd-Sandwichinseln ansteuern und hier verstärkt schmelzen“, erklärt Dr. Thomas Rackow.

“Angetrieben wird die Bewegung solch großer Eisberge vor allem durch ihr Eigengewicht und die Tatsache, dass die Oberfläche des Weddellmeeres keine ebene Fläche ist, sondern durch die vorherrschenden Winde zur Küste hin bis zu 0,5 Meter ansteigt. Vereinfacht gesagt rutschen neu gekalbte Eisberge daher zunächst die schräge Meeresoberfläche hinunter; durch die Corioliskraft, welche auf die Erdrotation zurückzuführen ist, wird ein Eisberg dieser Größe aber letztlich auf eine Bahn parallel zur Küste gelenkt, ähnlich dem Verlauf des Küstenstroms”, erklärt Dr. Thomas Rackow. “Sobald der Eisberg die Spitze der Antarktischen Halbinsel passiert hat, wird er nach dem gleichen Prinzip höchstwahrscheinlich entlang der nördlichen Grenze des Weddellwirbels nach Osten treiben."

Diese Erkenntnisse basieren auf einer aktuellen AWI-Studie zur Eisberg-Drift in der Antarktis. Die dazugehörige Pressemeldung finden Sie hier.

erschienen am: 2017-07-14 im europaticker

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