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NABU: Unnötige Debatte - für Wölfe kann es derzeit keine Abschussquote geben
Thema Wolf: Bestandsregulierungen offen diskutieren

Die Bauern und Jagdrechtsinhaber in Westfalen-Lippe fordern eine offene Debatte über verantwortliche Wege in der Bestandsregulierung von Wölfen durch die Jagd. Gemeinsam gehen sie davon aus, dass der in hiesigen Breiten seit fast 200 Jahren ausge-storbene Wolf in absehbarer Zeit zurückkehren wird. Daher gelte es, sich rechtzeitig auf diese Situation einzustellen. Die Verbände verweisen auf die Ergebnisse eines Gutachtens, das heute der Öffentlichkeit in Münster vorgestellt wurde.    

„Welche gravierenden Folgen das Vordringen von Wölfen für die offene Weidehaltung haben, wissen unsere Berufskollegen in Ostdeutschland und in Niedersachsen, wo der Wolf immer stärker auch Schafe und Rinder reißt. Alle bisherigen Schutzmaßnahmen und Ent-schädigungsregeln waren bisher höchst unbefriedigend. Es muss deutlich mehr passieren als nur eine „Willkommenskultur“ für den Wolf auszurufen, wie es die ehemalige NRW-Landesregierung getan hat“, sagte Johannes Röring, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV).

Vor dem Hintergrund der erwarteten Ausbreitung des Wolfes auch nach Nordrhein-Westfalen hatten der WLV und der Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe (VJE) Anfang Mai 2017 eine gutachterliche Stellungnahme in Auftrag gegeben. Autor der Studie ist Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel, Diplom-Biologe und Professor für Zoologie an der FU Berlin.

In seinem Gutachten empfiehlt Pfannenstiel eine angemessene Regulierung des Wolfsbe-standes durch die Jagd nach dem Vorbild anderer europäischer Staaten, da der Wolf in Mit-teleuropa nicht gefährdet sei. Falls dies nicht geschehe, drohten sich die Konflikte mit dem Wolf für Tier und Mensch deutlich zu verschärfen. Laut Prof. Pfannenstiel sind die bisherigen sogenannten „Wolfsmanagementpläne“ einzelner Bundesländer noch nicht ausreichend, weil sie bisher noch zu wenig das Management von Wolfspopulationen berücksichtigten. Es gebe weder stichhaltige juristische noch wildbiologische oder populationsdynamische Gründe, weswegen der Wolf nicht auch in Deutschland planmäßig bejagt werden könne. „Es geht nicht darum den Rückkehrer Wolf aus unserer Kulturlandschaft zu verbannen. Wir wollen vielmehr einen verantwortlichen Umgang im künftigen Zusammenleben mit dem Wolf“, sagte Clemens Freiherr von Oer, Vorsitzender des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe (VJE e.V.).

Grundsätzlich beobachten WLV und VJE, dass die gesellschaftlichen Debatten über die Wiederansiedlung des Wolfes sehr emotional geführt würden, was für eine verantwortungs-volle Behandlung des Themas nicht hilfreich sei.

NABU zur Forderung von Jägern und Landwirten nach "beschränkter Abschussfreigabe" für Wölfe / Tumbrinck: Unnötige Debatte - für Wölfe kann es derzeit keine Abschussquote geben

Der NABU hält die aktuell vom Westfälischen-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) und den Jägern befeuerte öffentliche Debatte zur Aufweichung des Schutzstatus von Wölfen für unnötig und fordert von der Politik ein klares Bekenntnis zum Schutz des Wolfes. Dazu NABU-Landesvorsitzender Josef Tumbrinck: "Der Wolf ist nach nationalem und internationalem Recht streng geschützt. In Deutschland kann es für ihn derzeit überhaupt keine Abschussquote geben, das sollten auch der WLV und die Jäger in Nordrhein-Westfalen wissen."

Die mit dem heute vorgestellten Gutachten des WLV erneut geschürte Debatte gehe in die falsche Richtung. Denn die Frage sei nicht ob, sondern wie wir mit dem Wolf leben können. "Der Wolf gehöre zu Deutschland und hat mit bundesweit 70 Rudeln und Paaren noch lange keinen stabilen Bestand erreicht. Schon gar nicht in Nordrhein-Westfalen, wo in diesem Jahr gerade einmal sieben bestätigte Meldungen über durchwandernde Wölfe vorliegen", so Tumbrinck weiter.

Der NABU fordere daher von der Politik und insbesondere von dem für die Jagd und die Nutztierhaltung zuständigen Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, sich klar zum Schutz des Wolfes zu bekennen. Der NABU lehnt eine Herabstufung des Schutzstatus sowie eine Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht strikt ab. Seltene große Beutegreifer müssen nicht bejagt werden, diese wissenschaftliche Realität sollten Politik, Landwirtschaft und Jäger nicht länger leugnen oder ignorieren.

Mit Blick auf die vielfach diskutieren Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere sieht der NABU in möglichen Abschüssen keine Lösung. NABU-Wolfsexperte Thomas Pusch: "Bei Übergriffen stellen wir fest, dass es häufig zu Fehlern beim Schutz der Herden kam. Es wäre falsch, Nutztierhaltern vorzugaukeln, mit dem Abschuss eines Wolfes sei ihnen geholfen. Die Tötung eines Wolfes ist ein völlig ungeeignetes Mittel zum Schutz von Nutztieren." Stattdessen sei es wichtig, die Tierhalter stärker zu unterstützen und diese Maßnahmen ausreichend zu finanzieren. Herdenschutz müsse vor Ort leistbar werden.

Hier seien sowohl Bundes- als auch Landesministerien gefordert. Auf Bundesebene sollte ein Kompetenzzentrum für den Herdenschutz aufgebaut werden. In Nordrhein-Westfalen seien zudem Nachbesserungen beim Wolfs-Management erforderlich. Der NABU NRW forderte Landwirtschafts- und Umweltministerin Schulze-Föcking auf, sich ebenfalls klar pro Wolf zu positionieren und die finanziellen und politischen Rahmenbedingungen für den Schutz von Weidetieren zu verbessern. Hier sei der Wolfs-Managementplan des Landes nicht ausreichend.

Wolf: Taten erforderlich statt verbaler Treibjagd!

Der BUND Naturschutz in Bayern (BN) kritisiert, dass schon Tage nach Bekanntwerden des ersten Wolfsrudels Minister Brunner über den Abschuss nachdenkt und wolfsfreie Alpen sowie die Absenkung des Schutzstatus propagiert, anstatt die eigenen Hausaufgaben zu machen, d.h. ein überfälliges Förderprogramm für Schäfer und Weidetierhalter anzubieten. Nötig ist eine Förder-Richtlinie, die regelt, wer in welcher Kulisse für welche Maßnahmen eine staatliche Unterstützung beantragen kann. „Es ist ein Skandal, dass diese Förderung für Weidetierhalter seit Jahren wegen Uneinigkeit zwischen Landwirtschafts- und Umweltministerium verschleppt wird.“ so Richard Mergner, Landesbeauftragter des BUND Naturschutz in Bayern e.V. (BN).

„Eine prominente Tierart, der Wolf, kehrt nach Bayern zurück und die erste Reaktion ist der Ruf nach dem Abschuss und wolfsfreien Zonen“ so Mergner weiter. Der BN fordert bereits seit 2014 vom Freistaat ein landesweites Förder- und Beratungsprogramm in Höhe von 1 Mio. € jährlich für Schäfer und Weidehalter, damit diese die in anderen Ländern bestens bewährten Vorsorgemaßnahmen wie den Einsatz von speziellen Herdenschutzhunden endlich einsetzen können. „Landwirtschafts- und Umweltministerium müssen sich jetzt endlich auf eine finanzielle Förderung von Herdenschutzmaßnahmen und sofortige Umsetzung einigen und ein leistungsfähiges Wolfsmanagement einrichten. Nur so können Konflikte vermieden werden und nur damit hat der Wolf auch zukünftig eine echte Chance in Bayern.“

Die Forderungen des bayerischen Landwirtschaftsminister Brunner kommentiert Mergner: „Herdenschutz ist auch in den Alpen möglich, es müssen angepasste Konzepte für eine behirtete Beweidung entwickelt werden. Wer dort wolfsfreie Zonen fordert, lässt die Almbauern im Regen stehen, denn ein Raum wie die Alpen lassen sich nicht wolfsfrei halten. Er würde zudem zum dauerhaften Abschuss aller Tiere, einschließlich der Durchzügler aufrufen, was weder mit deutschen noch europäischem Recht vereinbar ist.“

Eine Entnahme von Wölfen erlaubt die deutsche und europäische Rechtslage schon heute, wenn es wirklich zu großen Schäden oder jemals zu gefährlichen Situationen kommen sollte.

Derzeit existiert nur eine rudimentäre staatliche Unterstützung des präventiven Herdenschutzes. Ausgleichszahlungen bei Nutztierschäden durch Wölfe leistet derzeit mit finanzieller Unterstützung des Bayerischen Naturschutzfonds eine Trägergemeinschaft aus BUND Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz, WWF und Wildland-Stiftung Bayern.

Mehr Infos zum Wolf in NRW unter http://nrw.nabu.de/willkommenwolf oder https://www.nrw-wolf.de/
 

erschienen am: 2017-08-09 im europaticker

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