europaticker:
Wenige Agrarindustrie-Betriebe halten bereits 40 % aller Sauen und 20% der Mastschweine
Verdrängung mittelständisch-bäuerlicher Schweinehalter durch ostdeutsche Agrarindustrie-Strukturen

Auf die dramatische Verdrängung bäuerlicher Sauenhaltungs-Betriebe, vor allem in den westdeutschen Bundesländern, durch ostdeutsche Sauen-Agrarfabriken  verweist der Landesverband Niedersachsen/Bremen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).  Der AbL-Agrarindustrie-Experte Eckehard Niemannbezieht sich dabei auf den aktuellen Viehbestands-Vorbericht des Statistischen Bundesamt  (Destatis).  Die Schweinehaltung gerate, vor allem in den durch die DDR-Landwirtschaft geschaffenen Strukturen, in die Hände von Schweine-Konzernen und LPG-Nachfolge-Unternehmen. Die agrarindustrielle Verdrängung mittelständisch-bäuerlicher Betriebe mache ein Vielfaches der vom Bauernverband immer wieder einseitig beklagten Ferkel-Importe aus den Niederlanden und Dänemark aus. Bauernverbandsspitze und Schweinhalterverbände dürften diese agrarindustrielle Verdrängung von Bauernhöfen durch Agrarfabriken nicht länger totschweigen.

Laut Destatis, so die AbL,  würden aktuell bereits 41% der deutschen 1,9 Millionen Zuchtsauen-Muttertiere in Beständen mit mehr als 500 Sauen-Plätzen gehalten, und zwar von 700 Großbetrieben (8% der insgesamt 8.400 Sauenhaltungs-Betriebe). Dieser Konkurrenz auf dem Sauen- bzw. Ferkelmarkt fielen allein im letzten Jahr weitere 700 Betriebe zum Opfer, wobei Destatis feststelle: „Fast der gesamt Rückgang bei den Zuchtschweine haltenden Betrieben entfiel hierbei auf die alten Bundesländer“ (in denen es laut AbL bis auf wenige Intensiv-Regionen noch relativ  wenig agrarindustrielle Strukturen der Sauenhaltung gibt).  Auch in der Mastschweinehaltung gebe es diese agrarindustrielle Verdrängung, allerdings bislang in geringerem  Umfang:  Dort würden die 700 Agrarindustrie-Groß-Anlagen (3,5% der 20 Millionen Mastschweine-Ställe in Deutschland) mit jeweils mehr als 2.000 Mastschweinen bisher erst 20% der Mastschweine halten.    

Die AbL verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass sowohl das Bundes-Immissionsschutz-Gesetz als auch das Baugesetzbuch bei Anlagen mit mehr als 560 Sauenplätzen oder 1.500 Schweinemastplätzen von Risiken für Umwelt und Anwohner ausgehen würden.  Das Baugesetzbuch gebe den  Gemeinden deshalb - zumindest bei gewerblich-flächenknappen Betrieben - ein Vetorecht gegen entsprechende Bauanträge.  Gegen derartige Bauanträge gebe es bundesweit massive Proteste vor Ort und einen oft auch erfolgreichen Widerstand von Bürgerinitiativen des Netzwerks „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“.  Das nütze bäuerlichen Betrieben und hemme die Agrarindustrialisierung der Schweinehaltung und die ruinöse Überproduktion, Das gelte auch für die Filtererlasse einiger Länder (Niedersachsen, NRW oder Schleswig-Holstein, Thüringen mit einer Filter-Einbaupflicht für Betriebe mit mehr als 750 Sauen- oder 2.000 Mastplätzen. Es liege deshalb im dringenden Interesse vom Umwelt, Anwohnern und den allermeisten westdeutschen Schweinehaltern, dass solche Filtererlasse für Neu- und Bestandsanlagen endlich in allen Bundesländern bzw. bundesweit gelten würden und so die Wettbewerbsverzerrung zugunsten ostdeutscher Agrarindustrie rasch beseitigten.  Die AbL fordert, das von Bundesbauministerin Hendricks vorgeschlagene Vetorecht der Gemeinden gegen sämtliche Tierhaltungs-Großanlagen endlich  gesetzlich zu verankern.

Die AbL verweist zudem besorgt darauf, dass die bäuerliche Betriebe mit weniger als 100 Sauen zwar noch 40% der Sauenhaltungs-Betriebe ausmachten, aber nur noch 8% der Sauen hielten. Größere mittelständisch-bäuerliche Betriebe mit immerhin 100 bis 500 Sauen machten immer noch weitere 51 % der Betriebe aus, aber leider nur noch mit 50% des deutschen Sauenbestands.  Es gelte, die Existenz genau dieser Betriebe zu verteidigen, die zumeist familiengeführt seien und wegen ihrer Größe und Flächenbindung  die anstehenden Tierwohl-Anforderungen (mit eigeninteressiertem Management und Aussenklimaställen mit Stroheinstreu) viel eher erfüllen könnten als Agrarfabriken mit schlecht bezahlten Lohnarbeitskräften. 

Die EU-Schweinehaltungs-Richtlinie und die Vorgaben für eine Sauen-Gruppenhaltung ohne Kastenstände, so die AbL,  müssten  endlich in allen EU-Ländern umgesetzt werden – verbunden mit einem begleitenden und ausreichend finanzierten Umbauprogramm für mittelständisch-bäuerliche Strukturen.  Das mit diesen EU-weiten Tierwohl-Vorgaben verbundene höhere Platzangebot für Schweine und der damit automatisch verbundene Abbau der ruinösen Überschuss-Produktion  würde – nach der Umbau-Förderung - für überproportional steigende Erzeugerpreise sorgen (wegen des agrarökonomisch bekannten Effekts einer nur begrenzten Preis-Elastizität der mengenmäßigen Nachfrage). Somit würden nicht nur die Zusatzkosten einer artgerechteren Tierhaltung gedeckt, sondern endlich auch gewinnbringende und faire Erzeugerpreise für „klasse statt Masse“ strukturell gesichert.  

Die AbL fordert die Bundesregierung deshalb auf, endlich den Vorschlag des Wissenschaftlichen Beirats des Agrarministeriums zu folgen, durch eine trilaterale Vereinbarung der Haupt-Schweinehaltungs-Länder Deutschland, Dänemark und Niederlande eine EU-weite Initiative für eine tierwohl-gerechte Tierhaltung in mittelständisch-bäuerlichen Strukturen auf den Weg zu bringen. In Ostdeutschland stehe nach einer jahrzehntelangen Festigung und Förderung agrarindustrieller LPG-Nachfolge-Strukturen nun endlich eine Agrarwende an – mit einem Umbau von Agrarfabriken zu Bauernhöfen und mit einem Ende der systematischen Benachteiligung von bäuerlichen  Wiedereinrichtern, Neueinrichtern, Alteigentümern und Existenzgründern.      

LINK zum aktuellen Destatis-Bericht:

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/LandForstwirtschaft/ViehbestandTierischeErzeugung/Viehbestand2030410175314.pdf?__blob=publicationFile

erschienen am: 2017-08-14 im europaticker

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu dem Beitrag:
Ihre Meinung ist uns wichtig!

Impressum (Kurzfassung):
EUROPATICKER mit den Magazinen: Umweltruf, Korruptionsreport und Green IT
Das Magazin mit Hintergrund aus der Entsorgungsbranche
Deutscher Presserat (ID-Nummer 3690)

Herausgeber Hans Stephani
Beratender Betriebswirt - Journalist - Autor
Blumenstr. 11, 39291 Möser
Telefon: 039222 - 4125 Telefax: 039222 - 66664
Der EUROPATICKER Umweltruf erscheint im 15. Jahrgang. Das Ersterscheinungsdatum war der 20. März 2000.

Für die Titel: EUROPATICKER, KORRUPTIONSREPORT und UMWELTRUF nehmen ich Titelschutz nach § 5 Abs. 3 MarkenG. in Anspruch.
Ich unterliege dem Presserecht des Landes Sachsen-Anhalt.
Verantwortlich im Sinne des Presserechtes und nach Telemediengestz (TMG) ist: Diplom-Betriebswirt Hans Stephani.

Anzeigenverwaltung:
EUROPATICKER - Verlag  GmbH, Eingetragen im Handelsregister des Amtsgerichts Stendal unter der Nummer B 2311, Geschäftsführer: Beatrix Stephani, Steuerliche Angaben: Finanzamt Genthin Steuernummer: 103/106/00739, Blumenstr. 11 D-39291 Möser Telefon: 039222 4125, Telefax: telefax@europaticker.de

    Zurück zum Nachrichtenüberblick                                    Diese Meldung ausdrucken