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Bertelsmann-Studie: Steuer- und Sozialsystem benachteiligt Geringverdiener
Wer wenig hat, wird am stärksten belastet

Breite Schultern können mehr tragen – nach diesem Prinzip funktioniert grundsätzlich unser Sozialstaat: je höher das Einkommen, desto höher der Steuersatz. Doch unsere Untersuchung zeigt, dass Geringverdiener durch Einkommensteuer, Sozialabgaben und staatliche Transferleistungen deutlich stärker belastet werden als Spitzenverdiener.

Einige Monate vor der Bundestagswahl kam es wieder auf: das Thema Steuerentlastungen. "Mehr Netto vom Brutto", versprechen landauf landab Vertreter aller großen Parteien den Bürgern. Wir haben genau hingeschaut und mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) analysiert, wie Steuern, Sozialabgaben und staatliche Transferleistungen in Deutschland zusammenwirken. Das Ergebnis: Leistung lohnt sich nicht immer. Gerade bei Geringverdienern können Mehrarbeit und Gehaltszuwächse dazu führen, dass durch die Abzüge am Monatsende weniger im Geldbeutel übrig bleibt. Spitzenverdiener hingegen haben von einem zusätzlich verdienten Euro deutlich mehr.

Effektive Grenzbelastung: Was vom zusätzlich verdienten Euro übrig bleibt

Die Studie untersuchte für verschiedene Musterhaushalte die Höhe der sogenannten effektiven Grenzbelastung. Diese gibt an, wie viel der Bürger von einem zusätzlich verdienten Euro wieder durch Steuern, Beiträge zur Sozialversicherung und den Entzug von Sozialleistungen, wie Wohngeld oder Kinderzuschlag, abgeben müsste. So würden beispielsweise bei einer effektiven Grenzbelastung von 60 Prozent von einem zusätzlich verdienten Euro nur 40 Cent netto übrig bleiben. Die Grenzbelastung verläuft jedoch nicht progressiv. Dadurch werden Gehaltszuwächse bei höheren Einkommensgruppen tendenziell weniger belastet als bei Geringverdienern.

Geringverdiener werden im Steuer- und Sozialsystem am stärksten belastet

Anhand einzelner Musterhaushalte wird deutlich, in welchem Maße die Bürger durch das Zusammenspiel von Steuern, Sozialabgaben und staatlichen Transferleistungen belastet werden: So bliebe etwa einem Singlehaushalt mit einem Jahresbruttoeinkommen von 17.000 Euro von einem zusätzlich verdienten Euro nichts übrig. Ein gleicher Haushalt mit einem Jahresbruttoeinkommen von 75.000 Euro hätte dagegen noch 56 Cent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei einem Ehepaar mit zwei Kindern, bei dem nur einer verdient: Bei einem jährlichen Bruttoverdienst von 40.000 Euro könnte das Paar von einem zusätzlich verdienten Euro 56 Cent behalten. Einem vergleichbaren Haushalt mit einem Jahresbruttoeinkommen von 90.000 Euro bliebe mit 66 Cent deutlich mehr.

"In einigen Fällen finden wir Grenzbelastungen von über 120 Prozent. Der hinzuverdiente Euro sorgt damit für 20 Cent netto weniger in der Haushaltskasse", weist unsere Wirtschaftsexpertin Manuela Barišić darauf hin, dass ein Lohnzuwachs für manchen Arbeitnehmer sogar unterm Strich ein Minusgeschäft bedeutet.

Auch Alleinerziehende sind insbesondere im unteren Einkommensbereich sehr hoch belastet. Bis zur Einkommensschwelle von circa 23.800 Euro beträgt die Grenzbelastung bei ihnen durchgängig über 60 Prozent. Erst ab knapp 41.000 Euro sinkt sie.

Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung: "Mehr Arbeit und Lohn müssen sich für die Krankenschwester genauso auszahlen wie für den Unternehmensberater. Dass sich mehr Erwerbsarbeit lohnt, ist eines der zentralen Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft."

Transferleistungen und Ehegattensplitting: Hier könnten Reformen ansetzen

Der Studie zufolge muss der Gesetzgeber Einkommensteuer, Sozialabgaben und Transferleistungen besser aufeinander abstimmen, sodass sich mehr Erwerbsarbeit und Lohnzuwächse insbesondere für Geringverdiener auch lohnen. Eine Möglichkeit wäre, die unterschiedlichen staatlichen Transferleistungen gezielt aufeinander abzustimmen. So könnte eine koordinierte Transferzahlung aus Kinderzuschlag, Wohngeld und Arbeitslosgengeld mit einem konstanten Transferentzug von 60 Prozent zu positiven Beschäftigungseffekten und weniger Einkommensungleichheit führen.

Diese Effekte könnten außerdem eintreten, wenn das Ehegattensplitting auf ein Realsplitting mit übertragbaren Freibeträgen umgestellt würde, das Ehepartner im Grundsatz individuell besteuert. Käme das Realsplitting, würde sich das zudem mit knapp 5,6 Milliarden Euro positiv auf die öffentlichen Haushalte auswirken. "Die Weiterentwicklung zu einem Realsplitting würde insbesondere für Frauen, vor allem Mütter, Fehlanreize abbauen und ihre Erwerbsbeteiligung erhöhen", so Manuela Barišić.

Die komplette Studie finden Sie hier.

erschienen am: 2017-08-19 im europaticker

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