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Vorverteilung der Jodtabletten in der Region beginnt am 1. September
Region Aachen bereitet sich auf Katastrophe beim Kernkraftwerk Tihange (B) vor

In der Region Aachen beginnt ab 1. September die so genannte Vorverteilung von Kaliumiodidtabletten, kurz „Jodtabletten“ genannt. Damit erhalten die Menschen in Stadt und StädteRegion Aachen und in den Kreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg, die jünger als 45 Jahre sind sowie Schwangere und Stillende unabhängig von ihrem Alter die Möglichkeit, sich kostenfrei mit Jodtabletten zu versorgen.

Das Kernkraftwerk Tihange besteht aus drei Blöcken mit Druckwasserreaktoren. Block 1 hat eine Nettoleistung von 962 MW(e), Block 2 hat eine Nettoleistung von 1.008 MW(e) und Block 3 hat eine Nettoleistung von 1.015 MW(e). Das Kernkraftwerk liegt in der Gemarkung von Huy an der Maas, ca. 25 km südwestlich von Lüttich und 57 km west-südwestlich des Aachener Stadtgebiets. Es ist einer von zwei in Betrieb befindlichen Kernkraftwerksstandorten in Belgien; der andere ist das Kernkraftwerk Doel. Die sieben Kernreaktoren in Tihange und Doel werden von Engie Electrabel betrieben, dem belgischen Tochterunternehmen des französischen Konzerns Engie.

Belgien beschloss 2003 den Ausstieg aus der Kernkraft bis 2025. Die belgischen Reaktoren sollten ursprünglich nach jeweils 40 Jahren endgültig abgeschaltet werden. Für Tihange-1 war die Abschaltung am 1. Oktober 2015 vorgesehen. Der Betreiber Electrabel erklärte im November 2011, Block 1 gemäß dem Gesetz 2015 vom Netz nehmen zu wollen, da sich weitere Investitionen nicht mehr lohnen würden. Am 4. Juli 2012 entschied die damalige belgische Regierung jedoch gemäß den Möglichkeiten, die das Atomausstiegsgesetz Belgiens bietet, dem Betreiber für Tihange-1 eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre – bis 2025 – zu gewähren. Man fürchte Engpässe in der Stromversorgung.

Für die Blöcke 2 und 3 erlischt die Genehmigung unverändert nach 40 Jahren, also 2023 bzw. 2025. 2012 wurden „tausende feine Risse im Reaktorbehälter“ zunächst in Doel und im September 2012 auch in Tihange bekannt. Im Februar 2015 teilten Electrabel und die belgische Atomaufsichtsbehörde FANK mit, man habe tausende neue Risse in den Reaktoren Tihange-2 und Doel-3 gefunden. In Tihange stieg die Zahl von 2000 auf 3150.

Eine grenzüberschreitende Bürgerinitiative engagiert sich mit wissenschaftlicher Unterstützung gegen das ihrer Einschätzung nach unsichere Kernkraftwerk. Am 28. März 2017 wurde bekannt, dass seit Juli 2016 der Reaktor Tihange-2 mit Brennelementen aus Deutschland (Lingen) beliefert wird. Das dem Bundesumweltministerium unterstellte Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) erteilte 50 Transportgenehmigungen, darunter die Genehmigung, 68 Brennelemente für Tihange-2 zu liefern.

Am 7. September 2016 wurde wegen durch Bauarbeiten im nichtnuklearen Teil entstandenen Schäden der Reaktor 1 abgeschaltet, am 9. September 2016 früh auch Reaktor 2. Am 15. November 2016 wurde zu dem Vorfall am 7. September berichtet, es handele sich bei den Gebäudeschäden um eine Hebung der Bodenplatte. Der Betreiber Electrabel müsse den Boden unter der Bodenplatte verstärken und ihre Stabilität auch für den Fall eines Erdbebens garantieren. Der belgische Innenminister Jan Jambon forderte, auch den Boden unter den anderen Gebäuden von Tihange 1 zu untersuchen. Die für den 31. Dezember angekündigte Wiederinbetriebnahme wurde verschoben.

Am 28. März 2017 beschloss die Landesregierung NRW, der Klage der Städteregion Aachen vor dem Gerichtshof erster Instanz in Brüssel gegen den Betrieb des Reaktors Tihange 2 beizutreten. Gemeinsam mit den Städten Maastricht (Niederlande) und Wiltz (Luxemburg) sowie mit natürlichen und juristischen Personen aus den drei Staaten hatte die Städteregion im Dezember 2016 eine zivilrechtliche Klage eingereicht, mit der dessen Stilllegung gefordert wird. Auch die Landesregierung Rheinland-Pfalz ist dieser Klage beigetreten

Im gemeinsamen Verbund starten Stadt und StädteRegion Aachen und die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg die Vorverteilung.

Über ein Onlineportal kann der jeweilige Haushaltsvorstand einen Bezugsschein für Jodtabletten beantragen und in der teilnehmenden Apotheke der Wahl einlösen. Die Apotheken geben dann die entsprechenden Tablettenblister sowie einen Informationsflyer und einen Beipackzettel an die Bezugsberechtigten aus. Die Aktion läuft insgesamt drei Monate, also bis zum 30. November. Anträge auf Bezugsscheine können allerdings nur bis zum 15. November gestellt werden.

Bezugsscheine können ab 1. September beantragt werden
Im Rahmen eines Pressegespräches am 22. August 2017 haben Dr. Markus Kremer, Leiter der Koordinierungsgruppe für die Vorverteilung der Jodtabletten in der Region und Beigeordneter der Stadt Aachen, sowie seine Beigeordneten-Kollegen Gregor Jansen, StädteRegion, Peter Kaptain, Kreis Düren, und Franz-Josef Dahlmanns, Kreis Heinsberg, das Verfahren vorgestellt und die Details des gemeinsam erarbeiteten Konzeptes erläutert.

Wie erhält man die Jodtabletten?
Um die Jodtabletten beziehen zu können, ist vorab ein Bezugsschein zu beantragen. Der Antrag über das jeweilige Onlineportal von Stadt oder StädteRegion bzw. der Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg kann vom jeweiligen Haushaltsvorstand und zwar nur einmal gestellt werden. Nach Beantragung werden die gemachten Angaben überprüft. Der Bezugsschein wird nach der Überprüfung der Angaben auf digitalem Weg zugestellt und kann dann ausgedruckt werden. Mit dem Bezugsschein erhält man in allen teilnehmenden Apotheken - eine Übersicht hierzu gibt es auf der Seite der Apothekerkammer Nordrhein www.aknr.de – kostenfrei die für den Haushalt vorgesehene Menge an Jodtabletten. Mit den Tabletten ausgegeben werden ein Informationsflyer und ein Beipackzettel; natürlich gibt es auch ein Beratungsgespräch in der Apotheke.  Jodtabletten sind nicht rezeptpflichtig und in Apotheken frei verkäuflich.

Einnahme der Jodtabletten nur nach Aufforderung durch die Katastrophenschutzbehörde
Die Einnahme von Jodtabletten „sättigt“ die Schilddrüse mit (nicht radioaktivem) Jod und verhindert nach einem Atomunfall so die Aufnahme von radioaktivem Jod; Schilddrüsenkrebs soll so verhindert werden. Nach der Strahlenschutzkommission des Bundes dürfen die Jodtabletten aber nur nach entsprechender Aufforderung nach einem atomaren Unfall eingenommen werden. Eine nicht zeitentsprechende Einnahme ist nutzlos und sogar schädlich. Auch für Menschen, die älter als 45 sind, so die Kommission, ist das Risiko durch die Nebenwirkungen der Jodtabletten größer als das Risiko einer zukünftigen Schilddrüsenkrebserkrankung.

Wichtig also: Die Jodtabletten dürfen nicht vorsorglich sondern nur nach entsprechender Aufforderung der Katastrophenschutzbehörde eingenommen werden!

Informationsbroschüre für die Bevölkerung
Ergänzend zu der nun beginnenden Vorverteilung der Jodtabletten gibt es seit dem Frühjahr eine Informationsbroschüre. In der Broschüre „Information für die Bevölkerung in der Umgebung der Kernkraftwerkes Tihange (B)“ wird sachlich und informativ erklärt, wie die Katastrophenschutzbehörden im Ernstfall für eine Information der Bevölkerung sorgen und welche Verhaltensregeln empfohlen werden. Und es geht um Vorsorge- und Vorsichtsmaßnahmen, wie zum Beispiel die Vorverteilung von Kaliumiodidtabletten.

Viele wissenswerte Aspekte zum Katastrophenschutz sind in der Broschüre zusammengefasst. Fragen wie „Was kann passieren?“ oder „Wie wirkt Radioaktivität?“ werden beantwortet und auch die so genannte „Ines-Skala“ zur Bewertung der Stärke von nuklearen und radiologischen Ereignissen wird erläutert.

Die von der Koordinierungsgruppe herausgegebene gemeinsame Broschüre „Information für die Bevölkerung in der Umgebung des Kernkraftwerkes Tihange (B)“ kann über die Homepage des Kreises Euskirchen aufgerufen und herunter geladen werden.

 

Link zur Beantragung der Bezugsscheine beim Kreis Euskirchen:

https://jodtabletten.kreis-euskirchen.de (ab 01.09.2017 aktiv)

erschienen am: 2017-08-28 im europaticker

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