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Umwelt- und Tourismusministerium stellen erweiterten Antrag an das Bundesverkehrsministerium auf Änderung der Befahrensverordnung
Einigung zu Kitesurfgebieten im Nationalpark Wattenmeer

Um Naturschutz und Wassersport im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer besser in Einklang zu bringen, hat sich die Landesregierung Schleswig-Holstein auf Kitesurfgebiete an der Westküste verständigt. Entsprechend wird der Bund nun gebeten, die notwendigen Änderungen der Befahrensverordnung weiter voranzutreiben. "Touristische Attraktivität und ökologische Verantwortung sind miteinander vereinbar - sogar in einem so sensiblen Naturraum wie dem Nationalpark Wattenmeer", sagten Umweltminister Robert Habeck und Tourismusminister Bernd Buchholz heute (12. September 2017), nachdem sie im Kabinett über die Einigung berichtet hatten.

Kitesurfen, auch Kiteboarden oder Lenkdrachensegeln, ist ein relativ junger Trendsport, der aus dem Powerkiten entstanden ist. Beim Kitesurfen steht der Sportler auf einem Board, das Ähnlichkeit mit einem kleinen Surfbrett oder Wakeboard aufweist, und wird von einem Lenkdrachen (engl. kite) – auch Windschirm oder Schirm genannt – über das Wasser gezogen. Die Vorbewegung ähnelt daher in gewisser Weise dem Surfen mit Windantrieb. Weltweit gibt es zurzeit nach Schätzungen von Experten und der Industrie etwa 500.000 Menschen, die diesen Sport regelmäßig betreiben. Die Anzahl der Kitesurfer hat in den letzten Jahren rapide zugenommen. Im Vergleich zu Windsurfen ist die Ausrüstung günstiger und kompakter. Abgesehen davon ermöglicht kein anderer Wassersport eine so umfangreiche Vielfalt an Sprüngen und Tricks.

Künftig soll Kitesport an 22 speziell eingerichteten Zonen vor der Westküste möglich sein. Darauf hatten sich die beiden Ministerien verständigt, nachdem über die Sommerpause Kitesurfvertreter, Naturschutzverbände und die betroffenen Gemeinden erneut kontaktiert worden waren.

Dabei hatte zunächst der Landtagsabgeordnete Dennys Bornhöft als Kenner der Kiter-Szene die Sportler u.a. über die sozialen Netzwerke kontaktiert und sich alle Spots vor Ort angesehen. Er legte insgesamt 13 Vorschläge für neue oder erweiterte Kitesurfgebiete an der Westküste vor. Für alle diese Gebietsvorschläge wurde sowohl vom Umweltministerium als auch vom Wirtschaftsministerium geprüft, ob Aspekte des Naturschutzes, des Schiffsverkehrs oder des Tourismus einer Ausweisung entgegenstehen. Zudem wurden die betroffenen Gemeinden und Naturschutzverbände erneut einbezogen.

Im Ergebnis sollen nun neun Kitesurfgebiete an der Westküste Schleswig-Holsteins im Vergleich zum ursprünglichen Antrag erweitert werden. Für einige dieser Gebiete wurde in der Abwägung dem Kitesport trotz naturschutzfachlicher Bedenken Vorrang gegeben. Die übrigen vier Vorschläge waren nicht umsetzbar, weil die Gemeinden sich gegen eine Ausweisung aussprachen oder naturschutzfachliche Gründe überwogen.

"Alles in allem haben wir hier einen Kompromiss gefunden, der hoffentlich die teils sehr hart geführte Debatte befriedet und eine dauerhafte Lösung ermöglicht", sagte Habeck. "Der Kompromiss ist die Basis, um den gemeinsamen Antrag mit Niedersachsen und Hamburg beim Bundesverkehrsminister wieder scharf zu stellen. Wir brauchen dringend die Änderung der Befahrensverordnung für die Wattenmeer-Nationalparke. Sie ist schon lange überfällig."

Der Antrag beim Bundesverkehrsminister sieht unter anderem eine Vereinfachung der Befahrensregeln, eine Harmonisierung der Schutzzonensysteme, ein Tempolimit  im seewärtigen Erweiterungsbereich des Nationalparks sowie eine Ausweisung von Kitesurfgebieten vor. Er war im Mai nach jahrelangen intensiven Abstimmungsprozessen gestellt worden. Angesichts der neuen Regierungsbildung in Schleswig-Holstein hatte sich allerdings noch bei den angestrebten Regelungen zum Kitesurfen weiterer Gesprächsbedarf ergeben. Daher bat Schleswig-Holstein den Bund, das Verfahren in diesem Punkt ruhen zu lassen.

Die beiden Minister vereinbarten, den gefundenen Kompromiss aktiv gemeinsam nach außen zu tragen: "Die Westküste Schleswig-Holsteins bietet mit den jetzt geeinten Kitesurfgebieten großflächige und ansprechende Angebote für diese attraktive Trendsportart", betonte Tourismusminister Buchholz. "Die Nordsee Tourismus Service GmbH wird im Rahmen ihrer Marketingaktivitäten das `Kitesurfland Schleswig-Holstein` künftig noch stärker bewerben."

Dennys Bornhöft: Die Kitegebiete an der Westküste werden deutlich erweitert

Anlässlich der Einigung innerhalb der Landesregierung bezüglich des Kitesports im Nationalpark Wattenmeer erklärt der umweltpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Dennys Bornhöft: „Bereits in den Koalitionsverhandlungen wurde schnell ersichtlich, dass vor allem Grüne und FDP stark abweichende Einschätzungen bezüglich der Störwirkung des unmotorisierten Wassersports auf Pflanzen und Tiere haben. Innerhalb der Jamaika-Koalition musste ein für alle Seiten tragbarer Kompromiss gefunden werden. Die ganz klare Haltung der Freien Demokraten, generelle Kiteverbote in Gänze abzulehnen und keine Sonderregelungen für diesen einzelnen Wassersport zu treffen – wie es beispielsweise an der dänischen Westküste geregelt ist –, musste mit der ebenso klaren Haltung anderer Akteure, das Kiten weitestgehend im Nationalpark Wattenmeer einzuschränken, vereint werden.

Dieser nun gefundene Kompromiss schafft mehr Rechtssicherheit für das Kiten im Wattenmeer, die in Anbetracht der für den Wassersport negativen Rechtsprechung in Niedersachsen auch dringend benötigt wird.

Die neuen Flächen wurden durch FDP-Abgeordnete in vielen persönlichen Gesprächen und Vor-Ort-Besichtigungen erhoben und dem Umwelt- sowie dem Wirtschaftsministerium vorgelegt. Es ist erfreulich, dass die Wasserfläche, die dem Kitesport zur Verfügung steht, im Vergleich zur Beantragung vom 18.05.2017 faktisch verdoppelt wurde. Durch die deutliche Vertiefung der Gebiete bei Sylt und St. Peter-Ording wird auch gewährleistet, dass nationale und internationale Wettbewerbe weiterhin an der Westküste eine Zukunft haben.

Das Land als auch die Tourismusverbände sollten nun die positiven touristischen wie auch umweltbezogenen Effekte des Kitesports analog wie auch digital begleiten. Eine App, die mir als Tourist oder auch Einheimischer zeigt, wo ich kiten kann, welche Tier- und Pflanzenart in der Umgebung leben und wo ich einen guten Stellplatz für meinen Wohnwagen oder eine andere Übernachtungsmöglichkeit finde, wäre ein toller Service für das Land zwischen den Meeren.“

Kitesurfen ist ein faszinierender, naturnaher Sport, der in den Meeren Schleswig-Holsteins seinen Platz hat – und ihn auch in Zukunft haben wird.

Da Kiten aber auch Auswirkungen auf die sensible Vogelwelt hat, ist es sinnvoll, klarer zu regeln, wo gekitet werden kann und wo Naturräume den Tieren vorbehalten werden. Hier ein Überblick, wie an Nord- uns Ostsee Kiten und Natur zusammengebracht werden (12.9.2017):

Nordsee

Ein besonderes Augenmerk liegt bei der Thematik des Kitesurfens auf dem Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer

Der Nationalpark ist auf gesamter Fläche Schutzgebiet der höchsten Kategorie und ist eine der weltweit wichtigsten Brut- und Raststätten für mehrere Millionen Vögel. Insgesamt nutzen 10 bis 12 Millionen Vögel das deutsch-dänisch-niederländische Wattenmeer als Brut-, Rast- oder Überwinterungsgebiet – einer der wesentlichen Gründe für die Anerkennung des Wattenmeeres als UNESCO-Weltnaturerbe im Jahr 2009.

Vor diesem Hintergrund wird die immer beliebtere und wachsende Sportart Kitesurfen bereits seit 2005 im Nationalpark diskutiert. Ziel ist es, Störungen auf die Vogelwelt zu verhindern. Zuletzt hat 2010 die trilaterale Regierungskonferenz zum Schutz des Wattenmeeres mit Unterstützung der damaligen Landesregierung im Wattenmeerplan eine Regelung und Ausweisung von Kiteflächen im Schutzgebiet als notwendig erachtet.

Beliebte Spots sollen bleiben

Nach umfangreichen Gesprächen sollen im Nationalpark großräumige Kitegebiete ausgewiesen werden, und zwar im Wesentlichen dort, wo schon jetzt gekitet wird. Die großen Strände vor den Inseln oder St.-Peter-Ording sowie die zugänglichen und beliebten Kitesurfer-Spots an der gesamten Küste werden weiterhin Kite-Reviere bleiben. Die vorgeschlagene Kulisse soll nun in Detailkarten fixiert werden.

Diese geplante Regelung ist für die nationalen und internationalen Kitesurfer nichts Ungewöhnliches. Die Ausweisung von Kitegebieten wird auf den meisten deutschen und europäischen Wasserflächen, mit und ohne Naturschutzstatus, seit langem praktiziert und hat sich bewährt.

Änderungen über Bundesrecht

Der Schiffsverkehr und Wassersport im Nationalpark wird durch eine Bundesverordnung geregelt. Daher hatten schon 2006 die drei Wattenmeer-Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen beim Bundesverkehrsminister einen gemeinsamen Antrag auf Änderung der bestehenden Befahrensverordnung gestellt (damals noch ohne Kitesurfen), der aber vom Bund nicht abschließend beschieden wurde.

Das Thema Kitesurfen wurde bereits 2005 diskutiert, damals aber aufgrund der noch geringen Bedeutung zurückgestellt. Diese Situation hat sich in den letzten 10 Jahren und zunehmender Beliebtheit dieser Sportart auch im Nationalpark deutlich verändert. Daher wurde die Notwendigkeit, Kitezonen über eine Änderung der Befahrensverordnung des Bundes (zuständig ist das Bundesverkehrsministerium) auszuweisen, erneut beraten und beschlossen.

Portraitfoto Dr. Robert HabeckDie Landesregierung Schleswig-Holstein hatte im Mai 2017 gemeinsam mit Niedersachsen und Hamburg einen Antrag an das Bundesverkehrsministerium (BMVI) gestellt. Nach Bildung der neuen Regierung war dieser Antrag entsprechend der Aussagen im Koalitionsvertrag der Jamaika-Koalition im Punkt Kitesurfen ruhend gestellt. Zwischenzeitlich hat die Landesregierung mit Unterstützung des Landtagsabgeordneten Dennys Bornhöft, eines Kenners der Kite-Szene, und in Abstimmung mit den betroffenen Gemeinden die Kulisse der Kitesurfgebiete nochmals erweitert. Der Antrag an das BMVI wird mit der erweiterten Kitesurfkulisse nun wieder aktiviert. Die Kitesurfgebiete werden nicht als befristete Ausnahme von einem allgemeinen Verbot beantragt, sondern als Gebiete, die dauerhaft für das Kitesurfen genutzt werden können.

Dr. Robert Habeck: Wir wollen Natur und Sport in besseren Einklang bringen. Es wird kein generelles Kite-Verbot geben und keine zeitlichen Befristungen.

Ostsee

Die schleswig-holsteinische Ostsee ist anders als der Nationalpark Wattenmeer nicht in Gänze ein Schutzgebiet. Vielmehr sind hier zwei Arten von Schutzgebieten getrennt zu betrachten:

Naturschutzgebiete

Für zehn ausgewählte Naturschutzgebiete, die Wasserflächen der Ostsee umfassen, wurde die Verordnung über das Befahren von Bundeswasserstraßen in bestimmten schleswig-holsteinischen Naturschutzgebieten im Bereich der Ostsee (Ostsee-Schleswig-Holstein-Naturschutzgebietsbefahrensverordnung-OstseeSHNSGBefV) vom 27. September 2016 durch den zuständigen Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur erlassen. Diese Verordnung trat am 1. Oktober 2016 in Kraft. 

Für diese zehn Gebiete erfordert der Schutzzweck des jeweiligen Naturschutzgebietes die vorgenommenen Einschränkungen der Befahrensmöglichkeiten. Dabei handelt es sich um 0,29 Prozent der Wasserfläche der schleswig-holsteinischen Ostsee-Küstengewässer. Der Erlass beruht auf Anträgen, die vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein in den Jahren 2009 und 2011 sowie nach erneuter Aufforderung durch das Bundesverkehrsministeriums im Jahr 2015 eingereicht wurden.

Vogelschutzgebiete

Neben den Kleinkulissen um die Naturschutzgebiete gibt es noch großräumige EU-Vogelschutzgebiete. In kleineren Teilen dieser Vogelschutzgebiete sammeln sich im Winter die Wasservögel des gesamten Ostseeraumes, um hier den Winter zu überstehen.

Schon jetzt verzichten etwa in den sehr kleinräumigen Rast- und Fressplätzen zum Beispiel für Eiderenten in den Wintermonaten die Berufsfischer freiwillig auf den Fischfang mit dem Stellnetz, in dem sich tauchende Meeresvögel verheddern und ertrinken. Das Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein hat mit dem Deutschen Segler-Verband e.V. im September 2016 eine Freiwillige Vereinbarung zum Schutz von rastenden Meeresvögeln in den Europäischen Vogelschutzgebieten im Schleswig-Holsteinischen Küstenmeer der Ostsee abgeschlossen. Dieser Vereinbarung sind der Segler-Verband Schleswig-Holstein e.V. sowie der Verband Deutscher Wassersport Schulen e.V. beigetreten. Im Rahmen dieser Vereinbarung haben sich die Segelsportler verpflichtet einen ausreichenden Abstand zu Vogelansammlungen auf dem Wasser einzuhalten und sich in den Wintermonaten den freiwilligen Beschränkungen der Fischer in den kleinräumigen Rast- und Fressplätzen der Rastvögel anzuschließen. Das Ministerium erwartet, dass sich auch die in diesen Verbänden nicht organisierten Wassersportler an diese Vereinbarung halten werden.

Über ein Meldesystem im Internet wird informiert, wann Tauchenten in größerer Zahl auf den Spots sind und dort aufs Kiten verzichtet werden sollte. Es handelt sich dabei um die Monate November bis einschließlich Februar.

Weitere Informationen
Bild: Mercedes-Benz Kitesurf Testival

erschienen am: 2017-09-12 im europaticker

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