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Dirk Textor: Für das Kunststoffrecycling scheinen die Ampeln in nächster Zukunft auf Grün zu stehen
Kunststoffrecycling: Wertschöpfungskreislauf schließen

Das Verpackungsgesetz, das deutlich höhere Recyclingquoten vorschreibt, tritt am 1. Januar 2019 in Kraft. Es gibt angesichts der Klima- und Nachhaltigkeitsdebatte ein geschärftes öffentliches Bewusstsein dafür, dass es nicht sein kann, dass die Hälfte der Kunststoffabfälle in der Verbrennung landen. Die Bürgerinnen und Bürger sind stark sensibilisiert und sie verlangen als aufgeklärte Verbraucher, dass Hersteller und Handel Produkte und Dienstleistungen bereitstellen, die nachhaltig sind. Von daher muss das Umdenken in den Köpfen beginnen. Es gibt kein "weiter so" mehr, denn hinzukommt, dass es inzwischen für Kunststoffabfälle in Deutschland ein deutliches Überangebot gibt.

Das gilt insbesondere für Kunststofffolien, die bisher den Weg nach China gefunden haben. Doch dieser Zugang ist versperrt. Und diese Entwicklung ist wahrscheinlich nicht temporärer Natur, sondern wird sich tendenziell in den nächsten Monaten und Jahren fortsetzen. Das für 2018 angekündigte chinesische Importverbot für Kunststoffabfälle sollten alle Marktteilnehmer durchaus ernst nehmen, selbst wenn es eventuell nicht ganz so restriktiv umgesetzt wird, wie es die Ankündigung der chinesischen Administration vermuten lässt. Doch nicht nur der fehlende Export verändert die Marktsituation. Auch die kontinuierlich gut bis sehr gut ausgelasteten Verbrennungsanlagen und das daraus resultierende hohe Preisniveau sorgen dafür, dass große Mengen von Altkunststoffen in den Verarbeitungsmarkt drängen.

Vom Anbieter- zum Nachfragemarkt
Es kristallisiert sich daher immer stärker heraus, dass sich der Altkunststoffmarkt von einem Anbietermarkt zu einem Nachfragemarkt gewandelt hat. Während die Kunststoffrecyclingunternehmen diese Entwicklung naturgemäß begrüßen, werden sich insbesondere für Sammler und Sortierer in nächster Zeit neue Herausforderungen stellen.

Gleichzeitig sind die Kunststoffrecyclingunternehmen nun besser in der Lage, ihre Qualitätsanforderungen für das benötigte Input-Material ihrer Anlagen durchzusetzen. Die Recycler akzeptieren nur noch die Ware, die die Obergrenzen für Fremdstoffe einhält.

Recyclingfähigkeit im Fokus
Es muss also der Fokus darauf gelegt werden, dass schon bei der Produkt- oder Verpackungsentwicklung, die Recyclingfähigkeit berücksichtigt wird. Möglichst ressourcenschonende Produkte zu entwickeln, kommt dabei nicht nur der Umwelt zugute, sondern kann den Unternehmen auch helfen, Kosten zu sparen. Bislang wird dieses Feld von den Industrieunternehmen aber noch nicht mit dem nötigen Engagement beackert.

Rund 37 Prozent der im Rahmen des Zukunftspanels des Instituts der deutschen Wirtschaft (iw) befragten Industriefirmen sagen, an ihren Produkten ließe sich mithilfe von Ökodesign kein Material sparen. Das erscheint zumindest vor dem Hintergrund erstaunlich, dass eine verbesserte Materialeffizienz nicht nur die Umwelt schont, sondern auch Produktionskosten verringern kann, schlussfolgert das Institut der deutschen Wirtschaft. Als Negativbeispiele sind hier die viellagigen Verpackungsfolien genannt. Auch für PET-Schalen besteht bisher kaum eine werkstoffliche Verwertungsoption.

Daher fordern die Kunststoffrecycler im bvse ein „Design for Recycling“ von den Herstellern. Entsprechende Ansätze des Verpackungsgesetzes müssen in Abstimmung von Recyclern mit den Inverkehrbringern von Verpackungen umgesetzt werden. Wir sagen auch ausdrücklich, dass wir bereit sind, hier unser Know-how beizusteuern.

Es muss darum gehen, dass einerseits die Funktion der jeweiligen Verpackung gewährleistet ist, aber andererseits, und das ist in der Vergangenheit unserer Meinung nach nur unzureichend beachtet worden, die gebrauchten Verpackungen für ein qualitativ hochwertiges Recycling geeignet sind. Ein erster Schritt zu einem „Design for Recycling“ könnten definierte Bewertungskriterien sein oder auch die Einführung einer Recycling-Ampel, um die Recyclingfähigkeit von Verpackungen zu verdeutlichen.

Damit ist es aber nicht getan. Auch die Sammel- und Aufbereitungsstrukturen müssen nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ optimiert werden. Hier ist nicht nur die in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigte Verbraucherkommunikation deutlich zu verstärken. Problematisch ist beispielsweise auch der teilweise recht hohe Feuchtigkeitsgehalt der Kunststoffe. Stark verschmutzte Folien oder vermischte Kunststoffabfälle, die keine Abnehmer finden, können dann nur noch zu Ersatzbrennstoffen aufbereitet werden oder gelangen in die Müllverbrennung.

Klar ist aber: Es reicht nicht mehr aus, zukünftig theoretische Verwertungsquoten zu dokumentieren und kommunizieren. Es wird vielmehr darauf ankommen, zuverlässig die benötigten Mengenströme in definierter Qualität den Aufbereitungs- und Recyclinganlagen bereitzustellen.

Verstärkt auf Recyclingprodukte setzen
Es geht aber nicht nur um Recyclingfähigkeit und es geht auch nicht nur darum, die Sammellogistik und die Aufbereitungsstrukturen so auszurichten, dass die Recyclingunternehmen tatsächlich die erforderlichen Mengen in der benötigten Qualität erhalten.

Entscheidend ist, dass die aus dem Recycling generierten Materialien tatsächlich durch die verarbeitende Industrie eingesetzt werden. Auch auf diesem Gebiet gibt es noch jede Menge Nachholbedarf, obwohl Granulate in allen Qualitätsstufen im Markt verfügbar sind. Es kommt deshalb darauf an, die Rezyklate aus dem Nischendasein herauszuführen und sie als selbstverständlichen und maßgeblichen Produktionsbaustein einzusetzen, wie das im Papier- oder Glasbereich schon lange erfolgreich praktiziert wird.

Bild und Text: Dr. Dirk Textor, Vorsitzender des bvse-Fachverbandes Kunststoffrecycling und Inhaber der Textor Kunststoff GmbH

erschienen am: 2017-09-12 im europaticker

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