europaticker:
Ursachen der drastischen Abnahme der Biodiversität, ihren Folgen und den daraus resultierende
Forderungen von renommierten Experten formuliert
Ein Drittel unserer Nahrung basiert auf Bestäubungsleistungen von Insekten

Der Niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel hat am Freitag (20.12.2017) auf einer Artenschutzveranstaltung der Evangelischen Akademie Loccum die Naturschutzstrategie des Landes vorgestellt und ein Verbot für die flächendeckende Anwendung von Totalherbiziden und für verdächtige Insektizide gefordert. Insbesondere die aktuell in der EU-Kommission erörterte Verlängerung der Zulassung von Glyphosat werde zur „tickenden Zeitbombe für die Insektenbestände, den Vogelschutz und die Nahrungsmittelproduktion", sagte der Minister. Pflanzengifte hätten ohne Zweifel in Verbindung mit der Überdüngung und der allgemeinen Reduzierung der Grünflächen einen „schädlichen Einfluss auf die Entwicklung der Artenvielfalt". Hier müsse auch vorsorglich eingegriffen werden. Die EU Richtlinie lasse das ausdrücklich zu.

Die Biologin Dr. Monika C. M. Müller, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Loccum, sprach von „erschreckenden Fakten“, die niederländische, deutsche und britische Wissenschaftler vorgestern in der Fachzeitschrift Plos one (More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas ) veröffentlicht haben. Der Insektenschwund hätte nicht nur Auswirkungen auf Vogelpopulationen, sondern auf die ganze Nahrungskette bis hin zum Menschen. „Ein Drittel unserer Nahrung basiert auf Bestäubungsleistungen von Insekten. Wir Menschen kön-nen es uns nicht mehr leisten, den Artenschwund bei den Insekten zu ignorieren.“

Auch Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtzzentrum für Umweltforschung in Halle betonte diesen Zusammenhang: „Diversität ist wichtig für eine langfristige Sicherung der menschlichen Ernäh-rung.“ Zu den Ursachen des Vogel- und Insektensterbens meinte er: „Wir hatten hier als Gründe die wichtigen Faktoren, wie Intensivierung der Landnutzung, Flächenvergrößerung der Felder, Ausräu-mung der Landschaft, Monokulturen diskutiert “ Die Hauptursachen des Insektensterbens seien jedoch noch nicht bekannt. Vielfach wurde aber von Naturschützern auf der Tagung vermutet, dass Pflanzenschutzmittel zu diesen Hauptursachen gehören. Dieser Zusammenhang ist aus der Studie jedoch nicht ableitbar, da entsprechende Daten nicht kommuniziert werden.

Dr. Matthias Gerber vom Agrarzentrum Limburgerhof, BASF, meinte, dass mit der aktuellen Studie zum Insektensterben ein „Effekt“ verbunden sei, „um uns wachzurütteln“. „Das ist enorm und auch sehr wichtig“, so Gerber auf der Tagung. Beim Einsatz von Pestiziden werde aber bereits mit intelli-genter Beratung gegengesteuert: „Wir versuchen mit unserem ganzheitlichen Beratungsansatz über das eigentliche Schadstellenprinzip oder die Produktempfehlung hinauszugehen“, erläuterte Gerber weiter. So würden in der Beratung auch auf lokale Gegebenheiten, zum Beispiel die Nähe zu Wild-bienenhabitaten, eingegangen.

Als Reaktion auf das massive Insekten- und Vogelsterben forderte Ulrich Stöcker, Leiter der Abteilung Naturschutz der Deutschen Umwelthilfe, dass jetzt auf den unterschiedlichen politischen Ebenen entschlossen gehandelt wird: „Ein ganz wichtiger Punkt wird es sein, in der nächste Förderperiode der EU-Agrarpolitik einen eigenen Naturschutzfond auf europäischer Ebene einzurichten. Die EU-Kommission hat auch bei der Überprüfung der Naturschutzrichtlinien festgestellt, dass es eine deut-liche Unterfinanzierung gibt. Das muss behoben werden.“

Aber nicht nur die Unterfinanzierung des Naturschutzes sei ein Problem, sondern auch die Umset-zung und administrative Begleitung: „Wir fordern als Naturschutzverbände von der neuen Bundes-regierung, dass die Maßnahmen in der Nationalen Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt umgesetzt werden, dass alle Vorhaben des Bundes einem Biodiversitätscheck unterzogen werden und dass die Arbeit zur Umsetzung dieser Strategie Chefsache und zwischen den Ministerien zu-mindest auf Staatssekretärsebene behandelt wird.“

Ein großes Problem sei aber auch, dass Bildungsaufgaben im Bereich der Naturvermittlung auf allen Ebenen vernachlässigt worden seien. Ob in der breiten Bevölkerung, in der Landwirtschaft, der For-schung oder in der universitären Lehre. Überall gehe das Wissen über Arten und Zusammenhänge in der Natur drastisch zurück und es fände eine immer stärkere Entfremdung von der Natur statt. Wir brauchen Experten, die die biologische Vielfalt überhaupt erfassen können, damit sie für die Gesell-schaft bewahrt werden kann.

Umweltminister Stefan Wenzel: Einsatz von Pflanzengiften aus Vorsorge stoppen

Wenzel wies darauf hin, dass Niedersachsen mit etwa 40.000 Tier- und Pflanzenarten zur Zeit noch zu den artenreichsten Bundesländern gehört. Mittlerweile müssten jedoch rund 40 Prozent davon zu den gefährdeten Arten gezählt werden. Höchst besorgniserregend sei der durch eine neue Studie bestätigte Einbruch bei den Insektenpopulationen. Kritisch seien beispielsweise auch die starken Rückgänge bei den Wiesenvogelarten wie Kiebitz und Uferschnepfe. Zum Teil hätte sich der Brutbestand in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert.

Wenzel: „Wir brauchen genauere Untersuchungen zu den spezifischen Ursachen bei den Insekten, wir müssen aber vorsorglich bereits dort handeln, wo es starke Indizien gibt. Das betrifft insbesondere das Totalherbizid Glyphosat und die Neonicotinoide, die vom Markt genommen werden müssen. Der durch eine aktuelle Studie bestätigte massive Rückgang der Insektenpopulation kann das gesamte Ökosystem aus dem Tritt bringen, wenn sich diese Entwicklung fortsetzt!". Von der Bestäubungsleistung der Insekten hänge auch die Nahrungsmittelversorgung des Menschen ab. Deshalb sei eine breite gesellschaftliche Allianz erforderlich, um der Herausforderung zu begegnen.

Ein vom Umweltministerium einberufenes Gremium von Experten soll zum Thema Insektensterben das vorhandene Wissen von Behörden, Verbänden und Universitäten sammeln, auswerten und bewerten, um Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

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Weitere Informationen zur Fachtagung „Viele Vögel sind schon weg“ finden Sie hier: http://www.loccum.de/programm/p1763.html

erschienen am: 2017-10-22 im europaticker

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