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Umweltschutzorganisation empfiehlt weniger Meeresfisch-Konsum, dafür heimischen Bio-Fisch
Greenpeace erneuert Kritik an MSC und ASC

Mehr als 60 Umwelt- und Meeresschutz-Organisationen sowie Wissenschaftler kritisieren in einem offenen Brief das Fisch-Gütesiegel MSC, das besonders mit Nachhaltigkeit wirbt. Sie fordern strengere Regeln und umgehende Nachbesserungen der Standards. Das Fisch-Gütesiegel Marine Stewardship Council, kurz MSC, gibt es seit 1997 und hat sich beim Verbraucher als das Gütesiegel für Nachhaltigkeit beim Wildfisch durchgesetzt. Dabei ist das Gütesiegel schon länger in der Kritik.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace reagiert auf die Kritik am neuen Greenpeace-Gütezeichenreport „Zeichen-Tricks“ von ASC und MSC und betont erneut die gravierenden Schwächen der beiden Siegel in Sachen Nachhaltigkeit. „Kein Zertifizierungssystem kann derzeit nachhaltige Meeresfischerei garantieren. Das Hauptproblem der Meeresfisch-Siegel ist aus unserer Sicht, dass diese trotzdem bei den Konsumentinnen und Konsumenten ein gutes Gewissen erzeugen. Das steigert den Konsum von Meeresfisch aus Wildfang und Zucht natürlich zusätzlich – und schadet der Umwelt“, sagt Greenpeace-KonsumentInnensprecherin Nunu Kaller. „Das Wichtigste ist eine Trendumkehr beim Konsum. Nur wenn insgesamt weniger Meeresfisch konsumiert wird, können wir zur Rettung der Weltmeere und deren Fischbestände beitragen.“

Dass MSC kein Garant für nachhaltigen Fischkonsum ist, wurde erst kürzlich von insgesamt 60 internationalen Organisationen in einem offenen Brief an die Zertifizierungsorganisation bemängelt. Darin wurden auch konkrete Beispiele von problematischen Fischereien genannt. Auch bei Meeresfisch-Zuchtfarmen und beim Siegel ASC sieht Greenpeace eine ganze Reihe von Problemen. Für die Aufzucht von Fisch in Farmen werden bis zu fünf Kilogramm Wildfisch als Futtermittel benötigt. Je nach Fischart werden auch große Menge an Antibiotika, bedenkliche Chemikalien und gentechnisch veränderte Soja-Futtermittel verwendet. „Diese Zuchtfarmen tragen daher nicht zur Entlastung der Meere bei“, sagt Kaller. Hinzu kommt, dass für ASC-Farmen MSC als Standard für Fischmehl und -öl vorgesehen ist und dadurch bereits auf einem anderen nicht-nachhaltigen Standard aufgebaut wird.

Die Einfuhr von Fisch nach Österreich ist laut Statistik Austria in den letzten sechs Jahren von rund 65.000 auf rund 73.000 Tonnen pro Jahr gestiegen. Eine echte Alternative ist laut Greenpeace Fisch aus Österreich. „Während Lachs und Thunfisch vom Luxusprodukt zu Fast Food geworden sind, sind Fische wie Forelle, Saibling oder Karpfen aus den Regalen fast verschwunden. Wer auf Fischkonsum nicht verzichten und dennoch nachhaltig und ökologisch bewusst konsumieren möchte, kann in heimischem Biofisch die Lösung finden“, empfiehlt Nunu Kaller.

Offener Brief von 60 Organisationen an MSC: https://goo.gl/SdDaHx
Brief-Annex mit konkreten Beispielen: https://goo.gl/QKFcyn

Greenpeace fordert gesetzliche Maßnahmen gegen Gütezeichen-Missbrauch
Rote Karte für MSC, RSPO und Rainforest Alliance

Greenpeace-Report: Lebensmittel-Gütezeichen auf dem Prüfstand

Der Marine Stewardship Council (MSC) ist eine private Organisation, die ein Umweltsiegel für Fisch aus nachhaltiger Fischerei entwickelt hat. Sie ist Mitglied der ISEAL Alliance. Die Organisation unterhält Vertretungen in Berlin, Den Haag, Glasgow, Halifax, Hong Kong, Kapstadt, Kopenhagen, Madrid, Moskau, Paris, Peking, Reykjavík, Santiago, São Paulo, Seattle, Singapur, Stockholm, Sydney, Tokio und Warschau.

Der MSC wurde 1997 vom Unilever-Konzern, zu dem bis 2006 unter anderem die Marke Iglo gehörte, und der Umwelt- und Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature gegründet. Der MSC wurde 1999 von Unilever und dem WWF unabhängig. Im Board des MSC ist der WWF jedoch bis heute vertreten. Heute finanziert der MSC sich vor allem über Spenden und Lizenzgebühren (65 %), die bei der Verwendung des MSC-Siegels anfallen. Die Organisation hat zur Einwerbung der Lizenzgebühren ein Wirtschafts-Unternehmen namens Marine Stewardship Council International (MSCI) gegründet.

Weltweit gibt es zahlreiche Organisationen und Wissenschaftler, die Kritik am MSC üben.

Die Umweltorganisation Greenpeace in Deutschland kritisiert das Siegel in ihrer „Bewertung für Gütesiegel“ zu einem großen Teil. Bemängelt wird zum Beispiel, dass die Standards und Zertifizierungsanleitungen zu schwach sind und unklar formuliert werden sowie dass nur 60–80 % der Standards erfüllt sein müssen, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält. Positiv werden unter anderem die Professionalität der involvierten Gremien, die regelmäßige Überprüfung der Umsetzung der Standards, sowie eine hohe Professionalität und Transparenz in Bezug auf die Dokumentation der Fischereibewertung hervorgehoben.

Trotzdem weist Greenpeace explizit im Fischratgeber 2014 darauf hin, dass Verbraucher Fischprodukten, die mit einem MSC-Siegel gekennzeichnet sind, nicht bedenkenlos vertrauen können.

Noch schärfer kritisiert Greenpeace in Österreich den MSC und listet vier Punkte auf, die aus Sicht der Organisation ein Zeichen dafür sind, dass Fische mit dem MSC-Siegel nicht nachhaltig gefischt werden, sondern aus zerstörerischen Fischereien stammen:

  1. Das Siegel wird an überfischte Bestände vergeben, wenn die Fischerei ein „Erholungsprogramm“ für den Fischbestand auflegt.
  2. Der Vorsorgeansatz des MSC für die Befischung von Beständen ist sogar schwächer formuliert als der in internationalen Vereinbarungen festgelegte.
  3. Es wurden Fischereien mit hohen Beifangraten zertifiziert, dazu gehören Fischereien mit Grundschleppnetz und Baumkurre, die laut Greenpeace hohe negative Auswirkungen auf das Ökosystem haben.
  4. Auch Fischereien, die bedrohte Arten als Beifang haben, erhalten das MSC Zertifikat, beispielsweise die Fischerei auf Hoki in Neuseeland, in der jährlich rund 1000 Pelzrobben sowie auf der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN stehende Albatros-Arten mitgefangen werden.

Eine weitere Studie eines unabhängigen Konsortiums verschiedener Wissenschaftler wertete insgesamt 19 beim MSC erhobene formale Einwände der Öffentlichkeit gegen Zertifizierungen aus. In nur einem Fall hatte das MSC dem Einwand stattgegeben. Die Analyse der Einwände ergab Anzeichen dafür, dass die MSC-Prinzipien zu großzügig und frei interpretierbar seien. Die Wissenschaftler kamen zum Fazit, dass die MSC-Zertifizierung Verbraucher und Finanziers irreführen könne.

WWF: Gütesiegel bieten dem Konsumenten Transparenz. Der WWF fördert daher glaubwürdige Gütesiegel, die einen genussvollen Lebensstil ermöglichen, aber Wald, Wasser und Klima schonen. Denken Sie beim nächsten Fischeinkauf beispielsweise an das MSC-Gütesiegel!

ALDI / Hofer:
MSC (Marine Stewardship Council) ist eine unabhängige und gemeinnützige Organisation, die ein Siegel für Fisch- und Meeresfrüchteprodukte aus nachhaltigem Fischfang vergibt und damit einen Beitrag zu gesunden Weltmeeren leistet. Das MSC-Logo stellt sicher, dass der enthaltene Fisch aus einer umweltverträglich arbeitenden Fischerei stammt, die Fischbestände für die Zukunft erhält.

Beim ASC handelt es sich um eine Organisation, die 2009 unter Beteiligung des WWF gegründet wurde und sich weltweit für verantwortungsvolle Fischzucht einsetzt. Die Abkürzung steht dabei für Aquaculture Stewardship Council.

In den Betrieben, die ASC-zertifiziert sind, gelten sehr strenge Auflagen zum Schutz der Fische: So kommen beispielsweise Antibiotika nur unter medizinischer Überwachung und für erkrankte Tiere zur Anwendung. Die regelmäßige Kontrolle der Wasserqualität gehört darüber hinaus genauso zu den Vorgaben des ASC wie die Überwachung des Fischfutters, das nicht von gefährdeten Beständen stammen darf. Zusätzlich müssen angemessene soziale Kriterien und Arbeitsbedingungen in den zertifizierten Betrieben eingehalten werden. Dadurch sollen sowohl Diskriminierung als auch Kinder- und Zwangsarbeit ausgeschlossen sowie eine faire Bezahlung und die Einhaltung von Sicherheitsstandards garantiert werden.

erschienen am: 2018-02-12 im europaticker


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