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Eine Nutzung des Zwischenlagers Leese ist bis Ende 2030 vertraglich möglich
Atommüll im Zwischenlager Leese: Mehr Problemfässer als bisher bekannt

Im Zwischenlager für schwach radioaktiven Atommüll in Leese (Landkreis Nienburg) stehen 442 Fässer, die intensiv nachbehandelt werden müssen. Das belegt eine bisher unveröffentlichte Studie im Auftrag des Umweltministeriums, die dem NDR Regionalmagazin "Hallo Niedersachsen" vorliegt. Bislang hatte das Umweltministerium dem Landtag gegenüber nur sieben problematische Atomfässer eingeräumt.

Den Bürgern vor Ort teilte das Ministerium diese Ergebnisse bisher nicht mit, obwohl die Studie schon seit mehr als einem Jahr vorliegt. Die Bürger in Leese fühlen sich schlecht informiert. "Freiwillig rücken die gar nix raus", sagt Henning Breiter von der Bürgerinitiative Strahlenschutz Leese. Umweltminister Olaf Lies (SPD) sagte dem NDR hingegen, er gehe, genau wie sein Vorgänger Stefan Wenzel (Grüne), mit dem Thema "sensibel" und "transparent" um.

In den 1484 Fässern im Landesbesitz lagert schwach radioaktives Material, etwa aus Röntgenpraxen. Was genau sich in welchem Fass befindet, ist unklar. Es gibt Fotos von aufgeblähten Fässern mit hochgewölbtem Deckel und Rostflecken. Wolfgang Schumacher von der Bürgerinitiative Leese ist besorgt: "Wenn man sich das genauer angucken würde, was da alles drin ist, dann würde man wahrscheinlich schon blasser werden." Laut Studie müssen mindestens 442 Fässer, also jedes dritte Fass, "nachkonditioniert" werden: Einige sollen getrocknet werden, in anderen müssen hochgiftige Stoffe zusätzlich verpackt werden.

Das kann vor Ort in Leese nicht geschehen, weil die Lagerhalle viel zu eng ist. Das Umweltministerium sucht daher derzeit per Ausschreibung eine Firma, die alle Fässer abtransportiert, untersucht und endlagerfähig macht. Wohin die Fässer danach kommen, ist unklar: Der eigentlich dafür vorgesehene Schacht Konrad ist erst 2027 bereit. Auch in Leese können sie nicht dauerhaft bleiben. Ende 2030 läuft dort der Pachtvertrag aus.

Minister Lies: „Alle 1.484 Fässer werden inspiziert, nachbehandelt und fachgerecht verpackt“

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies hat Montag (16.04.2018) in Hannover betont, dass alle 1.484 aus Steyerberg stammenden Fässer mit radioaktiven Abfällen im Zwischenlager Leese nachqualifiziert und nachkonditioniert werden. „Das Handlungskonzept für die aus der ehemaligen Landessammelstelle Steyerberg stammenden Fässer steht schon länger. Wir werden alle in Leese gelagerten Fässer inspizieren, nachbehandeln und für eine spätere Endlagerung in sog. Konrad-Container fachgerecht verpacken. Wir sind zuversichtlich, dass wir den Auftrag für diese Arbeiten im Sommer vergeben können. Mitte 2019 soll mit den Maßnahmen begonnen werden“, sagte Lies.

In Leese lagern seit 2000 aufgrund der Schließung der Landessammelstelle Steyerberg Fässer aus den 1980er und 1990er Jahren mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen aus den Bereichen Medizin, Forschung und Technik. Aktuell zeigen sieben der 1.484 Steyerberg-Fässer Alterungserscheinungen wie Korrosion oder eine Deckelwölbung. Zudem hatte eine Untersuchung eines weiteren besonderen auffälligen Fasses im Jahr 2016 ergeben, dass dessen Inhalt nicht mit der Deklaration übereinstimmte. Vor diesem Hintergrund hat sich das Land bereits damals dazu entschlossen, alle Fässer einer Inspektion zu unterziehen und die Fässer entsprechend den Anforderungen des zukünftigen Endlagers Schacht Konrad zu behandeln. Zur Vorbereitung dieser Maßnahme wurde in einem Gutachten anhand der zu den Abfällen vorliegenden Unterlagen abgeschätzt, welche Behandlungsschritte erforderlich sind. Die Art der Behandlung eines jeden Fasses ist u.a. vom Inhalt abhängig und wird für jedes einzelne Fass festgelegt. Voraussichtlich werden 442 Fässer besonders intensiv behandelt werden müssen, das kann z.B. eine Trocknung, Fixierung und bessere Umschließung der Abfälle beinhalten. Dieses Gutachten ist Grundlage der europaweiten Ausschreibung zur Vergabe an ein für diese Dienstleistung geeignetes Unternehmen.

Die Arbeiten werden nicht am Standort Leese erfolgen und dauern nach jetzigen Schätzungen acht bis zehn Jahre. Die Kosten belaufen sich auf zehn bis 12 Millionen Euro und werden vom Bund erstattet. Unter Konditionierung versteht man die endlagergerechte Behandlung und Verpackung radioaktiver Abfälle. Dazu gehören beispielsweise die Langzeit-Trocknung, Umschließung und Fixierung der in den Fässern gelagerten Abfälle, sowie das Einstellen von Fässern in geeignete Endlager-Container. Eine Nachqualifizierung bezieht sich auf die Überprüfung und Vervollständigung der Dokumentation der Abfälle.

Hintergrund:
Das Land Niedersachsen ist gesetzlich dazu verpflichtet, für die in seinem Gebiet anfallenden radioaktiven Abfälle aus den Bereichen Medizin, Forschung und Technik eine Landessammelstelle vorzuhalten. Diese schwach- und mittelradioaktiven Abfälle sind bis zur Ablieferung an eine Einrichtung des Bundes zur Sicherstellung und Endlagerung zwischenzulagern. Die Annahme dieser Abfälle erfolgt zurzeit im Auftrag des Umweltministeriums durch die Firma Gesellschaft für Nuklear-Service mbH (GNS) in Jülich. Die Zwischenlagerung der behandelten Abfälle und der Altabfälle erfolgt in Leese durch die Firma Eckert & Ziegler Nuclitec GmbH (EZN).

Neben den sog. Steyerberg-Fässern lagern in Leese 3.400 Fässer, die sich ebenfalls im Eigentum des Landes Niedersachsen befinden. Bei fünf dieser Fässer wurden im Jahr 2016 gewölbte Deckel registriert. Für die endlagergerechte Behandlung und Verpackung dieses Abfallkontingents trägt die Firma GE Healthcare Buchler GmbH & Co. KG die finanzielle und administrative Verantwortung. Außerdem lagern in Leese fünf der Landessammelstelle Niedersachsen zugehörige Konrad-Container, sowie Betriebsabfälle der Firma EZN. Die in Leese gelagerten Abfälle werden zweimal im Jahr durch den Betreiber inspiziert und zusätzlich alle drei Jahre durch einen Sachverständigen in Augenschein genommen.

Eine Nutzung des Zwischenlagers Leese ist bis Ende 2030 vertraglich möglich. Bezüglich alternativer Lagermöglichkeiten führt das Land Niedersachsen Gespräche mit dem Bund. Aufgrund der aktuellen Rechtslage wird der Bund ab dem 1.1.2020 über mehrere bundesweite Zwischenlagerstandorte verfügen. Dort können schwach- und mittelradioaktive Abfälle bis zur Abgabe an das Endlager Schacht Konrad aufbewahrt werden.

Das Umweltministerium informiert auf seiner Website, sowie zusätzlich in Form von Infobriefen, über den aktuellen Sachstand. 

erschienen am: 2018-04-16 im europaticker


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