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Gesundheitsschädliches Tagebau-Sulfat belastet das Berliner Trinkwasser:
Behörden ziehen "Reißleine" und lassen Spree ausbaggern - Baggergut kommt nach Sachsen-Anhalt
Bald Durchfall-Alarm in der Hauptstadt?

In Berlin wird fast die Hälfte der Einwohner mit Trinkwasser versorgt, dessen Qualität vom Spreewasser abhängt. Der Fluss spült in großem Umfang Sulfat aus den Tagebauen in der Lausitz bis in die Hauptstadt. In hohen Dosen kann der Stoff Durchfall und Erbrechen verursachen. Offenbar haben die zuständigen Behörden jetzt jedoch die Reißleine gezogen und lassen den Boden der Spree ausbaggern. Das Baggergut wird, wie im letzten Monat nach einem Bombenfund bekannt wurde, per Schubverband über die Wasserstraßen zum Hafen Magdeburg transportiert.

Das Berliner Baggergut wird dann vom Hafen Magdeburg über die Anschlussstelle Lostau der BAB 2 in das etwa 4 Kilometer entfernte Körbelitz gebracht. Bewohner berichten von stündlich bis zu 30 Muldenfahrzeuge. Dem Gemeindebürgermeister Bernd Köppen (parteilos/ehemals FDP) wurde innerhalb einer Ratssitzung eine Unterschriftenliste von fast 150 Bürgern übergeben, es stinkt. Aufgefallen war Beobachtern, dass die Liste ausgerechnet von dem zuständigen Ortsbürgermeister übermittelt wurde, der wohl nicht informiert gewesen ist.

Beim Umgang mit Baggergut muss eine Vielzahl von Rechtsgrundlagen herangezogen werden. Dazu gehören das Abfall-, Boden-, Naturschutz-, Immissionsschutz- sowie das Baurecht. Die Komplexität der rechtlichen Grundlagen erfordert einen hohen Abstimmungsbedarf aller am Verfahren Beteiligten, mahnt die Untere Abfallwirtschafts- und Bodenschutzbehörde beim Spree-Neiße-Kreis. Ein ganzes Stück lockerer hat das offensichtlich der sachsen-anhaltinische Kreis Jerichower-Land gesehen. Erst durch einen Bombenfund auf dem Körbelitzer Gelände in der Gemeinde Möser wurden Anwohner und auch der Ortsbürgermeister auf eine Erweiterungsgenehmigung der Bodenbehandlungsanlage aufmerksam. Die nachträglich genehmigten Flächen waren ursprünglich für Ausgleich und Ersatz vorgesehen.

Soweit bislang bekannt geworden ist, wurde dem Betreiber am 21. Oktober 2014 die Erweiterung ihrer Anlage zur Bodenbehandlung durch den Fachbereich Umwelt beim Landkreis-Jerichower-Land genehmigt und hat ein Grundmaß, das größer wie eine Fußballfeldfläche ist. Sie reicht jetzt bis ca. 50 Meter an die erste Bebauung des Ortsteiles Möser. Knapp 200 Meter weiter beginnt die verdichtete Bebauung mit Einfamilienhäusern.

Gemeinderat könnte getäuschte worden sein

Anfang Dezember des vorvergangenen Jahres wurde die Fläche im Rahmen eines Bebauungsplanes in ein Sondergebiet "Energiepark Körbelitz" mit 11 ja- 3 nein- und eine Enthaltungsstimme umgewidmet. 5 Ratsmitglieder waren nicht anwesend. Ob der so genehmigte Bebauungsplan allerdings Rechtskraft erlangen kann, ist derzeit zweifelhaft. Vermutlich wird die Aufsichtsbehörde die am 01. Dezember 2016 beschlossenen Beschlussvorlage BV 2016/142 wegen einer falschen Begründung widerrufen müssen.

Nach einer Anfrage, teilt die Behörde mit, dass sich die Bodenbehandlungsanlage derzeit in einer Anhörungsphase zu einer Stilllegungsverfügung nach § 20 Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) befindet.

§20 BImSchG bestimmt unter anderem: Die zuständige Behörde kann den weiteren Betrieb einer genehmigungsbedürftigen Anlage durch den Betreiber oder einen mit der Leitung des Betriebs Beauftragten untersagen, wenn Tatsachen vorliegen, welche die Unzuverlässigkeit dieser Personen in Bezug auf die Einhaltung von Rechtsvorschriften zum Schutz vor schädlichen Umwelteinwirkungen dartun, und die Untersagung zum Wohl der Allgemeinheit geboten ist.

Teilweise still gelegt wurde bereits die Recyclinganlage für Bauschutt und Beton. Die Erweiterung der Bodenaufbereitungsanlage wurde zu einer Genehmigung aus dem Jahre 1996 erteilt. Die Behörde will der Redaktion EUROPATICKER bis Ende der kommenden Woche Akteneinsicht gewähren. Der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft hat bislang ein Hintergrundgespräch abgelehnt. Sein Gesellschaftsvertreter steht derzeit in Stendal vor 2 Strafkammern. Er muss sich zu dem sogenannten "Ostdeutschen Müllskandal" verantworten.

 

Viele Berliner könnten durch den Abbau von Kohle in der Lausitz Durchfall bekommen.

Aus den aktiven als auch aus den stillgelegten Tagebauen gelangt Sulfat bis in die Spree und diese spült das Sulfat aus der Lausitz bis nach Berlin. Sulfat ist zwar ungiftig, kann in hohen Dosen jedoch Durchfall und Erbrechen verursachen, besonders anfällig dafür sind Säuglinge und Kleinkinder.

Eine im Dezember veröffentlichte Sulfat-Prognose des Landesamts für Bergbau, Geologie und Rohstoffe Brandenburg (LBGR) bestätigt die Vermutung, dass kein Ende der Sulfat-Belastung in Sicht ist. Die DHI-WASY GmbH aus Berlin Adlershof prognostiziert in dem Gutachten teils sehr hohe Sulfatkonzentrationen über Jahrzehnte in den Gewässern um die Tagebaue in Brandenburg. Der Grenzwert für Trinkwasser laut Trinkwasserverordnung (TrinkwV) von 250 Milligramm Sulfat pro Liter wird auch künftig vielfach überschritten werden. In ihren Schlussfolgerungen bleiben die Entwickler des Prognosemodells überwiegend bei Empfehlungen zur Weiterentwicklung ihrer Modellierungen, erwähnt wird die „Reduktion des aktiven Bergbaus“ als Randbedingung.

Hohe Sulfatwerte im Müggelsee

Die Sulfatkonzentrationen in der Spree sind in den letzten Jahren stetig gestiegen und haben bereits im Oberflächenwasser des Müggelsees Konzentrationen von über 250 Milligramm je Liter erreicht. Bisher können Grenzwert-Überschreitungen ausgeglichen werden, indem Wasser mit hohem Sulfatanteil mit anderem, weniger belasteten Wasser gemischt wird bis die Konzentration wieder unbedenklich ist. Bei weiter steigenden Sulfatwerten müsste jedoch verstärkt auf Grundwasser zurückgegriffen werden. Das geht dann auf Kosten der Feuchtgebiete in Brandenburg aber auch zum Beispiel im Spandauer Forst oder Köpenick. Die Kosten dafür könnten bei 20 bis 50 Cent je Kubikmeter Wasser liegen – nach jetzigem Stand getragen von Berlins Wasserkunden.

Auch Muscheln und Krebse beeinträchtigt

Lebewesen, die in belasteten Gewässern leben, können der Sulfatfracht meistens nicht ausweichen. Hier findet ein Insektensterben in den vielfältigen Larvalstadien von z.B. Eintagsfliegen, Köcherfliegen und Libellen statt. Auch wenn noch umweltchemischer und ökotoxikologischer Forschungsbedarf besteht - vermutlich bereiten bereits Konzentrationen unterhalb des humantoxikologischen Grenzwertes für Trinkwasser Schwierigkeiten für die aquatischen Lebensgemeinschaften. So wurde beobachtet, dass in Tieflandflüssen mit einer Sulfatkonzentration oberhalb von 200 Milligramm je Liter das Makrozoobenthos, also Muscheln, Krebse und andere Tiere die noch mit bloßem Auge wahrnehmbar sind, negativ beeinflusst werden. Der NABU fordert die Bundesländer und damit die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) dringend auf für das Sulfat eine Umweltqualitätsnorm festzulegen damit künftig Gerichte eine Vorgabe bei der Bewertung der Sulfatbelastung haben.

Laut Klimaschutzplan der Bundesregierung soll bis 2050 die Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Heute stammen bereits 38 Prozent der Nettostromerzeugung aus erneuerbaren Energien, 24 Prozent werden noch aus Braunkohle erzeugt. Die Belastung der Spree mit Sulfat wird noch viele Jahrzehnte andauern – die Hauptstädter haben sicher keine Lust die Gegenmaßnahmen zu zahlen. Die Mehrheit der Bevölkerung möchte einen zügigen Kohleausstieg. Der NABU fordert von der Bundesregierung schnelle Schritte Richtung Kohleausstieg. Zudem müssen von Tagebau- und Kraftwerks-Betreibern umfangreiche finanzielle Sicherheiten eingefordert werden, damit die langwierigen Folgekosten der Kohle nicht von der Allgemeinheit zu zahlen sind.

Zum Weltaktionstag der Flüsse am 14. März 2018
Spree soll sauber bleiben, aber Deponie Körbelitz (Sachsen-Anhalt) wird belastet

erschienen am: 2018-05-14 im europaticker


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