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50. Jahrestag des F4-Tornados in Pforzheim am 10. Juli 1968
Gefährliche Tornados sind auch in Deutschland möglich

Am Abend des 10. Juli 1968 wurde die Region Pforzheim von einem der schwersten Tornados getroffen, die bis dahin in Deutschland registriert worden waren. Auf der international verwendeten Fujita-Skala wurde dieses Ereignis als F4-Tornado klassifiziert. Die Fujita-Skala wurde 1971 von Dr. T. Theodore Fujita entwickelt und dient der Schadensklassifikation bei Tornados.
Beobachtet werden Tornados in den Kategorien F0 (leichter Tornado, Windgeschwindigkeiten 64 – 116 km/h) bis F5 (unglaublicher Tornado, Windgeschwindigkeiten 419 -512 km/h). Bei einem verheeren-den F4- Tornado geht man von Windgeschwindigkeiten im Bereich von 333 – 418 km/h aus. „Pforzheim hat gezeigt: Auch in Deutschland können extrem zerstörerische Tornados auftreten. Zum Glück werden solche Wetterextreme hierzulande aber selten bleiben“, ordnet Andreas Friedrich, Tornadoexperte des Deutschen Wetterdienstes (DWD), das Pforzheimer Ereignis ein.

Große Sachschäden, viele Verletzte und drei Todesopfer

Für Pforzheim war es die schlimmste Nacht seit dem Zweiten Weltkrieg.
Der Tornado zog am späten Abend des 10. Juli 1968 über die Region und die südlichen Stadtteile von Pforzheim und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. In Pforzheim und in einigen benachbarten Gemeinden wurden rund 3 700 Häuser zum Teil schwer beschädigt, sechs Häuser wurden total zerstört. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt, zwei Personen wurden direkt durch die Auswirkungen des Tornados getötet, ein Dachdecker starb danach bei den Aufräumungsarbeiten. Alleine in Pforzheim waren über 1 000 Haushalte von einem Stromausfall betroffen. Erst vier Tage später war die Stromversorgung wieder provisorisch hergestellt. Der Katastropheneinsatz, an dem auch die Bundeswehr sowie französische und amerikanische Militäreinheiten beteiligt waren, konnte erst am 25. Juli 1968 beendet werden. Die durch den Tornado entstanden Schäden bezifferten sich auf rund 130 Millionen DM. Leider gab es, so die Einsatzkräfte, auch schon 1968 Behinderungen durch „Katastrophen-Tourismus“ in der betroffenen Region.

Starker Tornado mit langer Zugbahn, ausgelöst durch besondere Wetterlage

Am 10. Juli 1968 waren die meteorologischen Bedingungen für die Bildung starker Tornados sehr günstig. Auf der Vorderseite eines von Spanien nach Westfrankreich gezogenen Tiefs lag der Südwesten Deutschlands im Bereich sehr warmer und feuchter Luftmassen. Die Temperatur stieg im Rheintal auf über 30 Grad und der Feuchtegehalt in dieser schwülwarmen Luftmasse erreichte extreme Werte. Darüber war in etwa 1500 Meter Höhe eine trockene Luftschicht eingelagert und es herrschte eine starke Windscherung, d.h. mit der Höhe drehender und stärker werdender Wind. Eine kräftige Gewitterzelle überquerte mit Ost-Kurs zunächst die Vogesen in Frankreich, das Rheintal und dann die nördlichen Ausläufer des Schwarzwaldes. Dabei entstand bereits über Frankreich ein Tornado, der zwischen 20:15 und 21:00 Uhr MEZ auf einer Strecke von etwa 60 Kilometern teilweise erhebliche Forstschäden verursachte. Der Tornado löste sich dann über dem Rheintal vorübergehend auf. Nach einer Unterbrechung von etwa 35 Kilometern bildete sich ein neuer Tornado. Bei Karlsbad-Ittersbach gab es um 21:37 Uhr erste Schäden, bis ca. 21:50 Uhr überquerte der Tornado u.a. Ottenhausen-Rudmersbach, Gräfenhausen und Birkenfeld sowie den Süden der Stadt Pforzheim und die Siedlung Neubärental. Die Länge der Zugbahn mit den Schäden betrug etwa 35 km, die Breite der Schneise mit den Zerstörungen schwankte zwischen 200 und maximal 1000 Metern. Die Verlagerungsgeschwindigkeit des Tornados variierte zwischen 40 und 55 km/h.

Exakte Warnungen vor Tornados sind nicht möglich

Tornados wie am 10.7.1968 in Pforzheim gehören weltweit zu den folgenreichsten Wettergefahren. Um Menschenleben zu retten und Schäden zu vermindern weist der DWD in seinem Warnmanagement frühzeitig auch auf Tornadorisiken hin. „Tornados treten vor allem in der sommerlichen Gewittersaison auf. Sie sind sehr kleinräumig und haben oft nur eine Lebensdauer von wenigen Minuten. Deshalb sind grundsätzlich keine räumlich und zeitlich exakten Warnungen vor Tornados möglich“, so Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des nationalen Wetterdienstes.
Ein Tornado ist mit einer horizontalen Ausdehnung von meist wenigen hundert Metern so klein, dass er weder vom Wetterradar noch von Satelliten erkannt werden kann. Auch die engmaschigsten Wettervorhersagemodelle mit einer Auflösung von etwa zwei  Kilometern
- wie sie der DWD nutzt - können Tornados nicht vorhersagen. Deshalb versuchen die Meteorologen den Tornados indirekt auf die Spur zu kommen. Friedrich: „Mit unseren ganz Deutschland abdeckenden Wetterradars versuchen wir die als Auslöser von Tornados bekannten rotierenden Gewitterwolken zu erfassen. Uns liegen alle fünf Minuten aktuelle Radarbilder für ganz Deutschland vor.“ Warnhinweise auf Tornadorisiken bis zu 18 Stunden im Voraus Prognostizieren die Wettervorhersagen für Tornados typische Gewitterwolken und Windverhältnisse, verbreitet der DWD in seinen regionalen Warnlageberichten Hinweise auf Tornadorisiken. Gewarnt wird maximal 18 Stunden im Voraus. Die Berichte können im Internetangebot des DWD unter www.dwd.de/warnungen abgerufen werden.

Um vor unmittelbar drohenden Tornados warnen zu können, reichen Radarinformationen nicht aus. Entscheidend sind direkte Beobachtungen von dünnen, rotierenden Wolkenschläuchen, die noch nicht den Erdboden erreicht haben, oder von ausgebildeten Tornados. Denn sind bei Gewittern solche Erscheinungen bereits aufgetreten, besteht in den folgenden 15 bis 60 Minuten höchste Tornadogefahr. Liegt dem DWD eine Augenbeobachtung rechtzeitig vor und wird eine rotierende Gewitterwolke durch das aktuelle Radarbild bestätigt, gibt der DWD sofort eine Unwetterwarnung mit Hinweis auf aktuelle Tornadogefahr heraus. Die Warnung geht direkt an die Katastrophenschutzbehörden und die Medien. Friedrich: „Wenn unsere Warnung vor Ort sofort weitergegeben wird, können gefährdete Gebiete noch rechtzeitig alarmiert und Leben gerettet werden - obwohl oft nur wenige Minuten zum Handeln bleiben.“

Angesichts der großen Bedeutung von Augenbeobachtungen für die Warnung vor Tornados arbeitet der DWD eng mit dem Verein Skywarn Deutschland e.V. (www.skywarn.de) zusammen. Dessen geschulte ‚Sturmjäger’ geben ihre Unwetterbeobachtungen per Handy an den DWD weiter. Auch die Polizei, Feuerwehren sowie Rettungs- und Hilfsorganisationen unterstützen als Unwettermelder den DWD. Alle Bürger können ihre Unwetterbeobachtungen unter www.dwd.de/unwettermeldung in einen Meldebogen eintragen und an den DWD senden. Sie liegen dann sofort bei den Meteorologen zur Auswertung auf dem Tisch.

In Zukunft drohen in Deutschland noch stärkere Tornados

Schwächere Tornados, die nur geringere Schäden verursachen, bleiben in vielen Fällen heute noch unentdeckt. Die Zahl der nachgewiesenen Tornados in Deutschland schwankt zwischen 20 und 60 Fällen pro Jahr.
Stärkere Tornados mit großer Zerstörungskraft sind in Deutschland selten. Im Mittel rechnen die Meteorologen mit etwa fünf bis zehn Fällen im Jahr. Ob die Zahl der Tornados in Deutschland zugenommen hat, ist laut DWD aufgrund der Dunkelziffern in der Vergangenheit nicht nachweisbar.

Die Zukunftsszenarien der Klimaforscher weisen darauf hin, dass es in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten im Sommer zunehmend längere
Trocken- oder Hitzeperioden geben könnte - unterbrochen durch heftige Kaltlufteinbrüche mit schweren Unwettern. Friedrich: „Diese Szenarien sprechen nicht generell für eine Zunahme von Tornados in Deutschland, da lange Trockenperioden das Tornadorisiko mindern. Kommt es allerdings im Sommer zu immer heftigeren Gewittern, wächst das Risiko sehr zerstörerischer Tornados.“

erschienen am: 2018-07-09 im europaticker


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