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MdEP Rebecca Harms: Häufung von Störfällen in den letzten Jahren ist ein Indiz
für die Mängel und Risiken

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Grünen/EFA-Fraktion fordert die Abschaltung von AKW Tihange 1

Donnerstag (08.11.2018) wurde im Europaparlament eine neue Studie zu den Risiken des Weiterbetriebs des belgischen Atomreaktors Tihange 1 vorgestellt (die Studie finden Sie hier). Der Autor der Studie, Reaktorsicherheitsexperte Prof. Dr. Mertins *), kommt zu dem Ergebnis, dass der Weiterbetrieb von Tihange 1 durch das veraltete Reaktordesign, das mangelhafte Sicherheitsmanagement sowie die Häufung ungeplanter Ereignisse eine potentielle Gefahr für den Standort Tihange und dessen Umgebung darstellt. Sehr kritisch wird auch bewertet, dass die Ergebnisse internationaler Prüfungen sowie heutige Sicherheitsstandards nicht angemessen berücksichtigt werden.

Das Kernkraftwerk Tihange bei Huy in der Wallonischen Region von Belgien besteht aus drei Blöcken mit Druckwasserreaktoren. Block 1 hat eine Nettoleistung von 962 MW und ging 1975 ans Netz, Block 2 mit einer Nettoleistung von 1.008 MW und Block 3 mit 1.015 MW folgten bis 1985. Bis Ende 2025 sollen alle Blöcke abgeschaltet sein. Das Kernkraftwerk liegt an der Maas, ca. 25 km südwestlich von Lüttich und 57 km west-südwestlich des Aachener Stadtgebiets. Es ist einer von zwei in Betrieb befindlichen Kernkraftwerksstandorten in Belgien; der andere ist das Kernkraftwerk Doel im Hafen von Antwerpen. Die drei Kernreaktoren in Tihange und vier in Doel werden von Engie Electrabel betrieben, dem belgischen Tochterunternehmen des französischen Konzerns Engie.

Der Betreiber Electrabel erklärte im November 2011, Block 1 gemäß dem Gesetz 2015 vom Netz nehmen zu wollen, da sich weitere Investitionen nicht mehr lohnen würden.[2] Am 4. Juli 2012 entschied die damalige belgische Regierung jedoch gemäß den Möglichkeiten, die das Atomausstiegsgesetz Belgiens bietet, dem Betreiber für Tihange-1 eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre – bis 2025 – zu gewähren. Man fürchte Engpässe in der Stromversorgung. Für die Blöcke 2 und 3 erlischt die Genehmigung unverändert nach 40 Jahren, also 2023 bzw. 2025.

2012 wurden „tausende feine Risse im Reaktorbehälter“ zunächst in Doel und im September 2012 auch in Tihange bekannt. Im Februar 2015 teilten Electrabel und die belgische Atomaufsichtsbehörde FANK mit, man habe tausende neue Risse in den Reaktoren Tihange-2 und Doel-3 gefunden. In Tihange stieg die Zahl von 2000 auf 3150

Am 28. März 2017 wurde bekannt, dass seit Juli 2016 der Reaktor Tihange-2 mit Brennelementen aus Deutschland (Lingen) beliefert wurde. Das dem Bundesumweltministerium unterstellte Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) erteilte 50 Transportgenehmigungen, darunter die Genehmigung, 68 Brennelemente für Tihange-2 zu liefern.

Rebecca Harms, atompolitische Sprecherin der Grünen/EFA-Fraktion fordert deshalb die Stilllegung des Risikoreaktors: „Die belgischen Behörden müssen den aktuellen Stillstand fast aller belgischen Reaktoren zum Anlass nehmen, um zumindest den Pannenreaktor Tihange 1 43 Jahre nach Betriebsbeginn endlich und endgültig vom Netz zu nehmen. Das Reaktordesign ist hoffnungslos veraltet und entspricht längst nicht mehr den heutigen internationalen Sicherheitsanforderungen. Eine Nachrüstung, um den alten Meiler auf den Stand von Wissenschaft und Technik zu bringen, erscheint unmöglich.

Die Häufung von Störfällen in den letzten Jahren ist ein Indiz für die Mängel und Risiken, die durch die Alterung der Anlage entstehen. Der unrühmliche Umgang der belgischen Behörden mit den Problemen der belgischen Reaktorflotte, der durch Vertuschung und Herunterspielen der Risiken geprägt ist, verstärkt den Vertrauensverlust zusätzlich. Die endgültige Stilllegung des ältesten belgischen Reaktors könnte hier ein Zeichen der Umkehr setzen.

Auch die Behörden der Nachbarstaaten müssen aktiv werden. Der 43 Jahre alte Atommeiler Tihange 1 bedroht nicht nur die Bürger Belgiens sondern auch die in den Nachbarstaaten.“

Die Bundesregierung hat umfangreiche Listen über genehmigungs- und anzeigepflichtige innerdeutsche sowie grenzüberschreitende Verbringungen von Kernbrenn- und Ausgangsstoffen, radioaktiven Abfällen sowie Reststoffen vorgelegt. In einer Antwort (19/5231) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (19/4513) werden auf über 1.300 Seiten die entsprechenden Dokumentationen des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit beziehungsweise des Bundesamtes für Strahlenschutz sowie des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle und des Eisenbahn-Bundesamtes aufgeführt.

*) Prof. Dr. Manfred Mertins, Honorarprofessor im Studiengang Security Management Technische Hochschule Brandenburg

erschienen am: 2018-11-08 im europaticker



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