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Kunststoffrecycler fordern weitreichende Standardisierung bei Verpackungskunststoffen
Kunststoffabfälle werden zum überwiegenden Anteil zur Energiegewinnung verbrannt

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Um dem Plastikmüll Herr zu werden, sind signifikante Investitionen erforderlich

Ein Jahr nach dem Start strenger chinesischer Importregeln für Abfälle sind die deutschen Müll-Ausfuhren eingebrochen. Nachdem man 2017 noch etwa 346.000 Tonnen Kunststoff-Abfälle nach China verschickt habe, seien es 2018 nur noch schätzungsweise 16.000 Tonnen gewesen, teilte der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) zum Jahreswechsel mit. Jahrelang wurde der Abfall in China teilweise recycelt und für neue Plastikwaren genutzt. Den Zustand des Mülls bewerteten die Chinesen allerdings zuletzt als viel zu schlecht. Hinzukommt, dass trotz aller politischen Anstrengungen und Verordnungen sich weltweit die Menge an Plastikmüll und demzufolge auch das Angebot bis 2030 um bis zu 80% erhöhen wird. Peking hat zunächst eine strenge Verunreinigungsgrenze für Plastikabfall festgelegt. “Bisher haben wir das Plastikabfall-Problem nach China exportiert, aber China entschied vor Kurzem, jeglichen Import von EU-Plastikabfällen zu verbieten, daher müssen wir nun handeln. Wir müssen innovativ sein und investieren”, betont der Berichterstatter des Europäischen Parlaments, Mark Demesmaeker (EKR) aus Belgien.

Nach vielen Jahren der reinen Gewichtsreduktion, der Deponierung, der Verbrennung und des Exportes nach Asien müssten Kunststoffverpackungen jetzt zeitnah in großen Mengen in Europa recycelt werden, hatte der Verband im Februar des vergangenen Jahres angemahnt. Hoffnung setzten die Lobbyisten um den geschäftsführenden Präsident, Peter Kurth, auf das neue Verpackungsgesetz, welches am 1. Januar in Kraft getreten ist und die von allen Beteiligten der Wertschöpfungskette einhellig begrüßte Kunststoffstrategie, welche die EU-Kommission am 16. Januar veröffentlich hatte, setzen ehrgeizige Ziele für alle Beteiligten an der Wertschöpfungskette.

Umweltbundesamt: Guter Ansatz, aber zu unkonkret

Das Umweltbundesamt begrüßte die Initiative der EU, den Umgang mit Kunststoffen in Europa zu ändern. Der wachsende Verbrauch an Kunststoffen mündet in steigende Mengen an Kunststoffabfällen – EU-weit waren es 2014 etwa 26 Mio. Tonnen. Noch immer werden diese zum überwiegenden Anteil zur Energiegewinnung verbrannt oder sogar deponiert. Nur knapp 30 % davon werden in der EU recycelt. Problematisch ist auch, dass in der EU jährlich bis zu 500.000 Tonnen Kunststoffe in die Meere eingetragen werden. Mit der Kunststoffstrategie möchte man dem ein Ende bereiten, unter anderem indem Kunststoffe verstärkt recycelt werden. 

„Das Ziel der EU-Kommission, dass bis zum Jahr 2030 weniger Kunststoffe in der Umwelt landen, ist zu begrüßen – ob es auch Realität wird, hängt aber sehr stark von der praktischen Umsetzung der Plastikstrategie ab. Und hier fehlen leider an vielen Stellen griffige Vorschläge. Mir ist das zu zahnlos“, sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes.

Kunststoffrecycler fordern weitreichende Standardisierung bei Verpackungskunststoffen

In einer gemeinsamen Stellungnahme der Kunststoffrecyclingunternehmen, die im bvse – Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. sowie dem BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e. V. organisiert sind, wurde eine konkrete Mitwirkung der Packmittelindustrie, des Handels und der Abfüller hinsichtlich einer weitreichenden Standardisierung bei Verpackungskunststoffen eingefordert, die alledings nicht zu zählbaren Egebnissen geführt hat.

Die Kunststoffrecycler und -sortierer seien schon in der Vergangenheit in Vorlage gegangen. Nur ein qualitätsgetriebenes Recycling wird wirklich nachhaltig funktionieren. Dafür sind zusätzliche Anstrengungen nicht nur der Abfall- und Recyclingindustrie, sondern auch aller Dualen Systeme, der Zentralen Stelle, der Abfüller, Verpackungsdesigner, Einzelhändler und der Markenartikelindustrie erforderlich.

1. Die Dualen Systeme müssen sicherstellen, dass die Qualität der Sammelmengen schon bei der Erfassung positiv beeinflusst wird. Das könnte beispielsweise über eine an normierten Erfassungsmengen pro Kopf orientierte Sammelentgeltgestaltung geschehen.

2. Die Packmittelhersteller müssen sich auf folgende Polymertypen für alle Kunststoffverpackungen konzentrieren: Polyethylen (PE-LD und PE-HD), Polypropylen (PP) und Polyethylenterephthalat (PET). Schalen (tiefgezogene Verpackungen) aus PET müssen zukünftig transparent sein und dürfen nicht aus mehreren Schichten verschiedener Kunststoffe bestehen. Die Packmittelhersteller müssen außerdem nicht kompatible, aber fest miteinander verklebte Komponenten wie PVC, PET, Papier, PA, PVDC und EVOH sowie Aluminiumbedampfungen in Mehrschichtverpackungen, Etiketten und Sleeves durch intelligente recyclingfähige Alternativen ersetzen. Das verwertbare Hauptmaterial muss deutlich über 90 Prozent des Gesamtgewichts der Verpackung beitragen. Auf den rein kostengetriebenen Einsatz von Füllstoffen, die die Dichte des Packmaterials nach oben verändern, muss zukünftig verzichtet werden.

3. Die Abfüller müssen dafür sorgen, dass ihr Produkt seiner Verpackung bei gewöhnlicher Verwendung durch den Konsumenten vollständig entnommen werden kann (Restentleerbarkeit). Dies erfordert schon der Respekt des Abfüllers vor seinem eigenen Produkt, ist aber leider immer noch nicht selbstverständlich.

4. Die Verpackungsdesigner müssen intelligente Gestaltungslösungen zur Vermeidung von Littering, z. B. bei kleinteiligen und losen Verschlüssen von Kunststoffverpackungen finden. Kunststoffverpackungen müssen zudem als solche erkennbar sein und dürfen nicht als aus Papier „getarnt“ daherkommen.

5. Die Marketingexperten müssen auf schwarze Verpackungen, unnötige Einfärbungen und Bedruckungen verzichten.

6. Die Zentrale Stelle muss dafür sorgen, dass Lenkungswirkung der an den o. g. genannten Mindestkriterien recyclinggerechten Designs orientierten Lizenzentgeltstrukturen der Dualen Systeme (§ 21 VerpackG) auch wirklich erreicht wird. Dazu müssen die Entgeltsprünge/Boni/Mali ins Verhältnis zu den Kosten des fertigen Packmaterials gesetzt werden und in diesem Verhältnis signifikant sein. Nur dann rechnet sich eine Design- und/oder Materialumstellung.

Diese Forderungen kommen in der Vielzahl von Dialogforen der Wertschöpfungskette zum Verpackungsgesetz immer wieder zur Sprache. Jetzt ist es an der Zeit, konkret mit der Umsetzung zu beginnen, fordern BDE und bvse vor einem Jahr.

In Europa könnte sich die Recyclingquote von aktuell 16% auf bis zu 50% erhöhen und einen Export gänzlich überflüssig machen. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Analyse von McKinsey & Company. Die Unternehmensberatung hat dafür die weltweiten Produktions- und Lebenszyklen der wichtigsten Kunststoffe analysiert, und demgegenüber existierende und vielversprechende Plastikverwertungstechnologien auf deren ökonomisches und ökologisches Potenzial untersucht.

Weltweit wurden 2016 der Analyse zufolge rund 260 Mio. Tonnen Plastikmüll produziert. Mehr als die Hälfte davon - 150 Mio. Tonnen - entfielen auf so genannte kurzlebige Anwendungen. Dazu zählen Plastikverpackungen wie Tüten, Wegwerfbecher, Strohhalme, Folien oder Einwegflaschen. 110 Mio. Tonnen Plastikmüll wurden durch "langlebige Anwendungen" verursacht. Dazu zählt Plastik, das erst nach mehrjährigem Gebrauch auf dem Müll landet, z.B. in Form von Stoßstangen, Fensterrahmen oder Rohren aus PVC. Nur gut 16% (40 Mio. Tonnen) des gesamten Plastikmülls wurden für Recycling gesammelt.

Die restlichen 220 Mio. Tonnen wurden zu 25% verbrannt oder landeten zu 40% (105 Mio. Tonnen) auf Landdeponien oder zu 20% (50 Mio. Tonnen) unreguliert in der Umwelt auf Müllkippen oder in den Weltmeeren, mit teils verheerenden Konsequenzen für die Natur.

Immer mehr Plastikmüll - doch Recyclingquote verbessert sich

McKinsey geht davon aus, dass die weltweite Menge Plastikmüll bis 2030 um rund 80% auf dann 440 Mio. Tonnen steigen wird. "Viele aufstrebende Volkswirtschaften haben Nachholbedarf: Die Zahl an Autos sowie deren Konstruktionsweise, und Konsumgüterprodukten sowie der Wohnungsbau in Städten werden gerade in Asien und Afrika enorm zunehmen", begründet McKinsey-Seniorpartner Jakob Fischer diese Entwicklung. "Das lässt sich nicht aufhalten."

Die Recyclingquote kann weltweit gleichzeitig auf bis zu 50% steigen. Als Treiber dieser Entwicklung sieht Fischer insbesondere die Chemieindustrie, die die technologischen Fertigkeiten habe, um das wachsende Umweltbewusstsein sowie die Nachfrage der Konsumgüterindustrie nach recycelten Materialien zu erfüllen. Positiver Nebeneffekt der hohen Recyclingquote: Es wird kaum noch Müll unreguliert entsorgt werden (weniger als 1%) oder auf Landdeponien enden (18%). Dafür wird sich der Anteil des Plastikmülls, der verbrannt wird, um sechs Prozentpunkte auf 31% (136 Mio. Tonnen) erhöhen.

Deutschland schneidet im internationalen Vergleich gut ab

Deutschland und Europa schneiden der Analyse zufolge im internationalen Vergleich mit einer Recyclingquote von aktuell rund 22% gut ab. Bis 2030 könnte die Quote rund 65% betragen. Diese Verdreifachung kann McKinsey zufolge aber nicht nur durch herkömmliches Recycling gelingen, sondern auch durch neue Verfahren, um aus Plastik Öl und chemische Zwischenprodukte rückzugewinnen. Von den rund 7,3 Mio. Tonnen Plastikmüll in 2016 wurde zudem so gut wie kein Müll unreguliert in die Umwelt entsorgt.

Grundsätzlich könnte die Recyclingquote noch höher sein. Aber: "Eine große Herausforderung im Recycling sind dünne Plastiktüten und -folien", stellt McKinsey-Partner Theo Jan Simons fest. Auf Grund des häufig hohen Verschmutzungsgrads könnten diese nicht mit herkömmlichen Recyclingmethoden verwertet werden. Neben der Verbrennung zur Energierückgewinnung sieht McKinsey deshalb Potenzial in der so genannten Pyrolyse.

Dies ist ein Verfahren, in dem aus diesem "Niederqualitätsmüll" unter Sauertoffausschluss wieder Flüssigrohstoff, also Öl bzw. Naphtha gewonnen wird. Dieser Rohstoff steht dann anschließend entweder für neue Kunststoffproduktion oder für die Beimischung zu Treibstoffen zur Verfügung, wodurch die notwendige Menge an neu zu förderndem Rohöl reduziert werden könnte. Berater Simons: "Diese Technologie stellt für die Chemieindustrie vor allem in Asien potenziell ein großes Wirtschaftsfeld dar." Deshalb gebe es gegenwärtig schon viele sowohl etablierte als auch junge Unternehmen, die sich mit der wirtschaftlichen Umsetzung dieses Verfahrens auseinandersetzen. Insgesamt geht McKinsey im Markt für Plastikrecycling von einem wirtschaftlichen Potenzial von bis zu 70 Milliarden Euro aus.

Um der Plastikmüllproduktion Herr zu werden und deutlich höhere Recyclingquoten zu erzielen, sind nach Ansicht von Berater Simons zum einen signifikante Investitionen erforderlich, zum anderen eine Zusammenarbeit aller relevanten Akteure entlang der Wertschöpfungskette: Angefangen beim Gesetzgeber, der Chemieindustrie und kunststoffverarbeitenden Unternehmen, Verpackungs- und Konsumgüterindustrie, sowie nicht zuletzt dem Verbraucher, der durch sein Verhalten die Entwicklungen maßgeblich mitbestimmt. Dabei erhöht sich aktuell der Druck auf die Industrie, was sich in weltweiten Verboten von Plastiktüten und sonstigem Verpackungsmüll zeigt, unter anderem in der EU, die mit ihrer Verabschiedung der Verpackungsmüllverordnung bereits neue Rahmenbedingungen geschaffen hat.

erschienen am: 2018-12-30 im europaticker



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