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Besseres Müllmanagement dringend notwendig. Geisternetze sind überall ein Problem
Zu möglichen Handlungsstrategien Dr. Mark Lenz im Interview (Teil 2).

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Plastikmüll im Meer: Die Lösung liegt in Asien

Die Müllentsorgung in Asien ist ein großes Problem. Ein großer Teil des Plastikmülls wird über Flüsse in die Ozeane entsorgt. Sofern keine Maßnahmen ergriffen werden, könnten sich die Mengen an Plastikmüll bis 2025 verzehnfachen. Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung trägt auch Kleidung aus synthetischen Fasern zum Mikroplastikmüll bei. Kläranlagen vermögen das Mikroplastik nicht zu filtern. Insbesondere der Wirtschaftsboom in Asien in Verbindung mit einem fehlenden Müllmanagement ist jedoch Ursache Nummer 1 für das globale Plastikproblem in den Meeren.

Dr. Mark Lenz forscht zu den ökologischen Folgen von Mikroplastik für Meeresorganismen am GEOMAR. Im zweiten Teil des Interviews zu Plastikmüll erläutert er, wo die Probleme weltweit bei der Verursachung liegen und welche Handlungsansätze er sieht.

10. Stellen sie sich vor, Sie wären Sie Politiker. Welche Eintragswege für Plastik in Meere würden Sie international zuerst angehen? Die Müllentsorgung auf offenem Meer, schlecht gesicherte Deponien entlang von Flüssen, die Müllentsorgung in Küstenstädten, verlorene Schleppnetze oder vielleicht etwas ganz anderes ?

Dr. Mark Lenz: Die größten Quellen sind im Augenblick in der Hauptsache schlecht gesicherte Deponien, vor allem in Asien. Man muss das einfach so sagen: Wir in Deutschland haben das Problem technisch schon gelöst. Aber in China, Indonesien oder Vietnam zum Beispiel ist die Wirtschaftsentwicklung in den letzten Jahren rasant gewesen. Die Menschen können immer mehr konsumieren und dementsprechend fällt mehr Müll an. Aber es fehlt noch die Infrastruktur, um diesen Müll zu managen. Das ist eigentlich das Kernproblem. Dies bildet die Hauptmenge an Plastik, die wir in den Ozeanen finden. Der erste Schritt wäre also, das Müllmanagement zu verbessern, und dies sollte am besten verbunden sein mit einer Müllreduktion. Müll, der gar nicht erst anfällt, muss auch nicht gemanagt werden. Die Geisternetze sind noch ein ganz anderes Problem, das sich schwierig lösen lässt. Wahrscheinlich müsste man den Fischern Prämien anbieten, dass sie ihre alten Netze abgeben. Es gibt noch die Möglichkeit, dass man versucht die Netze einzusammeln, was jedoch ziemlich aufwendig und mühsam ist.


11. Was ist mit der Idee „Fishing for Litter“? Also Fischer, die Müll auf dem Meer einsammeln.

Lenz: Hier muss man zwei Ideen unterscheiden: Zum einen gibt es die „Fishing for Litter“-Kampagne hier in Schleswig Holstein. Es geht darum, Fischer dazu zu bringen, Müll, den sie im Netz haben, nicht wieder über Bord zu werfen, sondern mit an Land zu bringen. Sie geben praktisch ihren Müllbeifang ab. Das finde ich sehr sinnvoll. Aber es nicht sinnvoll, Fischer mit dem Auftrag loszuschicken, Müll zu fischen. Da gibt es Befürchtungen, dass dies eine schleichende Subventionierung der Fischereiflotten darstellt. Man sollte auch keine neue Gruppe von Personen schaffen, die ein Interesse daran hat, dass Müll ins Meer gelangt. Das wäre ein klassischer Fehlanreiz. (Fischer als Müllsammler, kann das funktionieren? Beitrag im ESKP-Themenspezial "Plastik in Gewässern")


12. Was bedeutet das für die Politik? Welches Problem müssten deutsche Entscheidungsträger zuerst betrachten? Welche sind weitere Schritte bei uns?

Lenz: Meine Frage wäre zunächst, inwieweit die Bundesregierung bereits technische Projekte unterstützt, beispielsweise in Asien. Gibt es schon eine technische Zusammenarbeit, um Müllmanagementsysteme zu etablieren? Das wäre sehr konkret. Sicherlich fällt dies ins Ressort von Herrn Müller (Anm. der Red.: Minister des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).  Hier müsste man aktiv werden und ausloten, was Deutschland mit seinem Know-how zur Lösung des Problems beitragen kann. So würde man dort ansetzen, wo der Großteil des Plastiks ins Meer gelangt. Unser Müllmanagement könnte man natürlich auch noch weiter verbessern, aber wir haben eigentlich die größten Probleme bereits gelöst. Man kann die Recyclingrate noch steigern und in größerem Umfang Müll vermeiden. Die vieldiskutierten Plastiktüten sind bei uns aber eher ein CO2 Problem. Das wird frei wenn die Tüten in der Müllverbrennung landen, aber in der Regel gelangen die Tüten nicht als Müll ins Meer. Es ist daher schon sinnvoll, Plastiktüten zu besteuern, um nämlich die CO2-Emissionen zu reduzieren, aber der Konsum von Tüten hat bei uns nichts mit dem Müllproblem im Meer zu tun.

13. Woher stammt denn überhaupt der Müll in der Nordsee?

Lenz: In der Nordsee haben wir viel Fischereimüll. Wenn man hier in Schleswig-Holstein oder im benachbarten Dänemark einen Strandspaziergang macht, sieht man das. Man findet auch immer ein bisschen Haushaltsmüll, wobei ich aber vermute, dass der von Schiffen stammt. Aber es ist nicht wie in Asien, wo in manchen Gebieten wirklich gewaltige Mengen Haushaltsmüll angespült werden. Man sollte natürlich versuchen, die Menge an Fischereimüll zu reduzieren, aber das ist dann global gesehen kein großer Wurf mehr. Genauso ist es mit dem Reinigen der Strände in Deutschland, den sogenannten „Beach Clean-ups“. Klar machen diese Aktionen Sinn und sie helfen dabei die Meeresumwelt vor den Auswirkungen unseres Konsums zu schützen, aber das globale Meeresmüllproblem kann man so nicht lösen.


14. Großbritannien hat zum Jahresende 2017 die Verwendung von Mikroplastik in Kosmetika verboten. Wie wirksam sind solche nationalstaatlichen Regelungen?

Lenz: Das kosmetische Mikroplastik macht nur einen relativ kleinen Anteil des Mikroplastiks im Meer aus. In Deutschland wurden bislang mit Kosmetika circa 500 Tonnen Plastik pro Jahr verkauft, aber es ist unklar, wie viel von diesem Plastik letztendlich ins Meer gelangt ist. Auch wenn es absolut gesehen keine geringe Menge ist, stellt es global gesehen nur einen ganz kleinen Teil des Mikroplastiks im Meer dar. Trotzdem ist es sinnvoll Mikroplastik aus den Produkten herauszunehmen. Man kann sie sehr leicht ersetzen, durch Wachse zum Beispiel, die biologisch abbaubar sind. Eine Regulierung von staatlicher Seite ist gerade für unnötige Zusätze in Produkten, die eventuell auch noch negative Folgen für die Umwelt haben, sicherlich wünschenswert.

15. Wenn man sich den Anteil des primären Mikroplastiks im Meer anschaut: Ist hier Mikroplastik aus Kosmetika oder aus Textilien bedeutender?

Lenz: Dies ist noch strittig. Ich bin der Ansicht, dass Mikroplastik aus Kosmetika eher den kleineren Anteil ausmacht. Fasern sind wahrscheinlich bedeutender. Es gibt aber einen Knackpunkt, der meiner Meinung nach immer noch zu wenig diskutiert wird. Wenn man Mikroplastik analysiert, dann muss darauf geachtet werden, dass die Proben nicht mit Mikroplastik aus der eigenen Kleidung verunreinigt (kontaminiert) werden. Wir haben dies im Labor einmal ausprobiert: In einer Referenzprobe, in der an sich nichts enthalten sein sollte, haben wir siebzig Fasern gefunden, die offensichtlich von der Kleidung des Wissenschaftlers stammten, der die Probe genommen und bearbeitet hat. Ich habe den Verdacht – aber das ist jetzt wirklich nur meine persönliche Meinung – dass man prüfen muss, ob die großen Mengen an Fasern, die man immer wieder in Proben findet, auch wirklich aus der Umwelt stammen oder nicht eventuell Verunreinigungen sind. Wir haben noch eine Lehre gezogen: Wenn man Mikroplastik wirklich exakt quantifizieren will, müsste eigentlich in einem Reinraumlabor arbeiten, denn auch in der Raumluft sind Textilfasern vorhanden. Die Raumluft ist hier ein Störsignal. Unabhängig von diesen technischen Problemen glaube ich trotzdem, dass Kleidungsfasern generell eine wichtige Rolle spielen und dass die Menge, die mit jedem Waschgang über das Abwasser in Klärwerke und eventuell auch in die Umwelt gelangt, signifikant ist. Es ist daher wichtig, dass uns bewusst ist, dass bei jedem Waschen eines Fleece-Pullovers über 1000 Fasern frei werden.


16. Welche Chancen sehen Sie tatsächlich, das Problem mit Plastikmüll, insbesondere in den großen küstennahen Ballungszentren, in den Griff zu bekommen? Ist es längst zu spät?

Lenz: Ich glaube schon, dass es letztendlich lösbar ist. Es ist vor allem ein technisches Problem. Man muss die entsprechende Infrastruktur schaffen, um den Müll beherrschen zu können. Das wird natürlich dauern. Das was mich bei dem Thema optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass man es im Prinzip konfliktfrei lösen könnte. Bei Plastikmüll gibt es keine zwei Meinungen. Keiner findet das wichtig oder schön. Alle wären froh, wenn der Plastikmüll weg wäre. Es ist ein Umweltproblem, bei dem man kaum auf Konflikte stoßen wird. Anders als bei der Überfischung oder der Erderwärmung. Bei der Begrenzung von Treibhausgas-Emissionen kommt man beispielsweise sofort in eine Konfliktsituation, wenn es um Wirtschaftsinteressen geht. Wahrscheinlich ist das Plastikmüllproblem daher leichter lösbar als andere Umweltprobleme. Beim Plastikmüll wird nur die Plastikindustrie jammern.

Teil 1 des Interviews mit Dr. Mark Lenz "Mikroplastik könnte an der Basis der Nahrungskette ansetzen" (Foto: imago/Xinhua)

erschienen am: 2019-08-20 im europaticker



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