europaticker:
Ergebnisse des Gutachtens zur Deponierung freigegebener Abfälle aus Kernkraftwerken
im Land vorgestellt

..................

Pro Jahr werden in Schleswig-Holstein etwa 800.000 t Abfall auf Deponien der Klassen I und II entsorgt

Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht: „Mit dem Ergebnis des Gutachtens eröffnet sich eine belastbare Perspektive für die Deponierung freigegebener Stoffe im Land.  Auch wenn am Ende Kraftwerksbetreiber und Deponien für die Lagerung der Abfälle zuständig sind – das Land steht weiterhin zu seiner Verantwortung, den Prozess ergebnisorientiert zu begleiten.“

Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht hat Montag (09.09.2019) die Ergebnisse des vom Land in Auftrag gegebenen Gutachtens zur Deponierung freigegebener Abfälle aus Kernkraftwerken in Schleswig-Holstein vorgestellt. Demnach sind grundsätzlich alle sieben untersuchten Deponien (Wiershop, Lübeck-Niemark, Johannistal, Harrislee, Schönwohld, Großenaspe, Damsdorf/Tensfeld) für die Ablagerung entsprechender Abfälle geeignet. Aufgrund der unterschiedlichen Kapazitäten der Deponien wird jedoch empfohlen, für die Ablagerung der Abfälle fortan nur noch die vier Standorte Wiershop, Lübeck-Niemark, Johannistal und Harrislee zu betrachten, da die Deponien Schönwohld, Großenaspe und Damsdorf/Tensfeld kurz vor der endgültigen Verfüllung stehen. Sie könnten perspektivisch die erwarteten Abfallmengen nicht aufnehmen. Insbesondere die beim Rückbau der Kernkraftwerke in der nächsten Zeit zu erwartenden Dämmmaterialien können aus bautechnischer Sicht dort nicht abgelagert werden.

„Mit dem Gutachten machen wir nach Jahren der Diskussion einen großen Schritt nach vorn. Mindestens vier Standorte im Land sind für die Lagerung freigegebener Abfälle aus Kernkraftwerken geeignet. Damit eröffnet sich eine belastbare Perspektive für die Deponierung im Land“, sagte Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht: „Ich erhoffe mir auf dieser Grundlage auch an den Standorten der Deponien eine Versachlichung der Diskussion. Grund zur Sorge besteht für die Bevölkerung nicht.“

Albrecht hatte zuvor die Deponiebetreiber und die Bürgermeister der Standort- und Nachbargemeinden über die Ergebnisse des Gutachtens unterrichtet. Auf Basis der jetzt vorliegenden Qualifizierung der Deponien können die Betreiber der kerntechnischen Anlagen und die Entsorgungswirtschaft die tatsächliche Entsorgung von mineralischen Abfällen organisieren. Die Behörden werden den Prozess weiterhin intensiv begleiten. Für einen Erfahrungsaustausch wird eine Begleitgruppe etabliert, die erstmals im Oktober tagen wird.

Laut Gutachten sind die Deponien Wiershop bei Geesthacht, Lübeck-Niemark, Johannistal bei Heiligenhafen und Harrislee an der dänischen Grenze für die Annahme der Abfälle geeignet. Die Sachverständigen haben die Größe, den Aufbau und die tatsächlichen Ablagerungsmengen der Deponien, die Abläufe im Umgang mit den Abfällen und die Behandlung der Sickerwässer und des dabei entstehenden Klärschlamms geprüft. Dabei wurden jeweils die Vor-Ort-Bedingungen mit denen einer Musterdeponie verglichen, die den rechtlichen Vorgaben der Strahlenschutzverordnung zugrunde liegt. Gesetzlicher Maßstab ist dabei das Dosiskriterium für die Freigabe, wonach für Einzelpersonen der Bevölkerung durch die freizugebenden Stoffe und Gegenstände nur eine effektive Dosis im Bereich von 10 Mikrosievert im Kalenderjahr auftreten kann. Dieser Wert liegt weit unterhalb der natürlich in der Umgebung vorkommenden Strahlung und selbst unter der Schwankungsbreite der natürlichen Strahlung innerhalb Schleswig-Holsteins.

BUND kritisiert: Vorbeugender Strahlenschutz wird in Schleswig-Holstein nicht ernst genommen

Der BUND Schleswig-Holstein rügt nach der Pressekonferenz zur Vorstellung der Ergebnisse des Gutachtens zur Deponierung freigegebener Abfälle aus Kernkraftwerken im Land, dass eine unabhängige Begutachtung der möglichen vier Entsorgungsoptionen nicht erfolgt ist.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. in Schleswig-Holstein (BUND) kritisiert die heute vorgestellten Ergebnisse des Gutachtens zur Deponierung freigegebener Abfälle aus Kernkraftwerken im Land. Bei den Modellannahmen des mit der Untersuchung der sieben Standorte beauftragten TÜV Nord sind bei jeder der untersuchten Deponien Fragen ungeklärt geblieben. Trotzdem erklärt Minister Albrecht nach Vorschlag des TÜV alle sieben Deponien Schleswig-Holsteins für grundsätzlich geeignet. Auch die Deponien der Klasse I mit der geringsten Abdichtung. Der TÜV untersuchte die Standorte ausschließlich nach dem 10 Mikrosievert-Konzept, das der BUND nach den im Atomgesetz geforderten Minimierungs-Erfordernissen als nicht mehr zeitgemäß ablehnt.

„Wenn bei einer Untersuchung von Deponien Fragen bleiben, dann darf ein Standort nicht für geeignet erklärt werden“, sagt Rainer Guschel, Vorstandsmitglied im BUND. „Der Minister lässt sich unter Zeitdruck setzen. Das ist aber ein großes Problem, wenn es um den Schutz vor Strahlung für die Bürger*innen Schleswig-Holsteins geht.“ Für den BUND wird der vorbeugende Strahlenschutz – wie bereits in seinem Sondervotum zum Minister-Papier formuliert – nicht ernst genug genommen.

„Es muss oberste Priorität bei der Auswahl von Standorten sein, dass die Strahlenbelastung so gering wie möglich ist“, so Guschel weiter. „Hier muss der Umweltminister konsequent nachbessern.“ In anderen Bundesländern wurden zusätzliche Maßnahmen getroffen, um die Strahlenbelastung durch Deponierung weiter zu verringern.

Im kurzfristig vorgestellten TÜV-Gutachten zeigen sich, gerade im Bereich der Abdichtungen und des anfallenden Sickerwassers und der zum Teil unbekannten Einleitungen in Grundwasser und Vorfluter, erheblich Unsicherheiten in den Bewertungen der Deponien.

Das Ergebnis der Qualifizierung: Einzelne Aspekte der Musterdeponie wurden von den schleswig-holsteinischen Deponien übererfüllt. Andere Abweichungen waren näher zu betrachten. In ihrer Stellungnahme kommen die Sachverständigen entweder zu dem Ergebnis, dass diese Umstände bereits jetzt vollständig kompensiert werden –
so z.B. ein höherer Sickerwasseranfall durch eine größere Kläranlage – oder aber für die Deponie ist näher zu ermitteln, welche Art von Abfällen aus kerntechnischen Anlagen in welcher Menge angenommen werden können. Das kann im Ergebnis zu Einschränkungen in Bezug auf die jährlich deponierbaren Abfälle führen, stellt aber nicht die Nutzbarkeit als solche in Frage. Bereits im jetzt vorgelegten Gutachten wurden Szenarien betrachtet, die über die bei der Entwicklung der Strahlenschutzverordnung berücksichtigten Szenarien hinausgehen.

Minister Albrecht sagte den Kommunen, Kraftwerksbetreibern und Deponieinhabern weiterhin seine Unterstützung zu: „Uns ist es wichtig, weiter mit allen Beteiligten in einem konstruktiven Austausch zu bleiben. Auch wenn am Ende Deponien und Kraftwerksbetreiber für die Lagerung der Abfälle verantwortlich sind, steht das Land weiterhin zu seiner Verantwortung, den Prozess ergebnisorientiert zu begleiten. Wir wollen ein klares Szenario, wie mit freigegebenen Abfällen aus Kernkraftwerken verfahren wird.“

Der Minister und seine Fachleute haben angeboten, in den nächsten Wochen das Gutachten zusammen mit den Sachverständigen im Einzelnen den Verantwortlichen der Gemeinden an den vier Deponiestandorten vorzustellen. In den kommenden Monaten sollen die weiteren Prüfungen jeweils im Dialog mit der konkreten Deponie abgeschlossen werden, wobei wiederum unabhängige Sachverständige zum Einsatz kommen. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Betreiber von kerntechnischen Anlagen und Deponien gemeinsam zu einer angemessenen Verteilung der zu deponierenden Abfälle aus den Kernkraftwerken finden und dass diese Lösungen Akzeptanz finden. Uns ist bewusst, dass es sich dabei um eine Daueraufgabe handelt“, sagte Albrecht.

Hintergrund zur Entsorgung von zur Deponierung freigegebenen Abfällen

Jeder Mensch ist jeden Tag radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Er selbst „strahlt“ mit durchschnittlich 300 µSv (Mikrosievert) pro Jahr aufgrund der Radioaktivität, die er in sich trägt, z.B. durch eingeatmetes Radon oder durch Kalium-40 und andere radioaktive Stoffe aus dem Verzehr von Nahrungsmitteln. Wer täglich zwei Paranüsse isst, steigert seinen „Jahreswert“ an körpereigener Strahlung nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz um bis zu 160 µSv. Die gesamte natürliche Strahlenbelastung beträgt in Deutschland im Mittel 2100 µSv pro Jahr.
Da nahezu überall Radioaktivität vorhanden ist, muss eine Grenze definiert werden, ab der staatlicher Strahlenschutz beginnt und endet, weil unter ihr das Risiko der Strahlung zu vernachlässigen ist. Das international gültige De minimis-Konzept definiert eine Dosis, bei der mögliche Risiken so gering sind, dass sie außerhalb eines Regulierungsbedarfs liegen. Die Grenze liegt bei einigen 10 µSv pro Jahr pro Einzelperson („Dosiskriterium“). Nähere Informationen hierzu hat die Entsorgungskommission des Bundes, die ESK, herausgegeben:
http://www.entsorgungskommission.de/sites/default/files/reports/Informationspapier_ESK67_16072018_hp.pdf.

Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass dieses sogenannte 10-Mikrosievert-Konzept infrage zu stellen wäre. Die Freigabe muss durch die zuständige Atomaufsicht erteilt werden, wenn das Dosiskriterium eingehalten ist (§ 33 Strahlenschutzverordnung). Eine Freigabe kann dann nicht verweigert werden. Freigabefähige Stoffe dürfen nicht als radioaktive Stoffe in einem Endlager entsorgt werden. Im Rahmen der „Qualifizierung“ wird konkret bewertet, ob eine Deponie alle Anforderungen erfüllt, um das Dosiskriterium sicher einzuhalten.

Pro Jahr werden in Schleswig-Holstein etwa 800.000 t Abfall auf Deponien der Klassen I und II entsorgt. Die freien Deponiekapazitäten DK I und II betragen in Schleswig-Holstein derzeit etwa vier Millionen m³. Aus der Freigabe zur Deponierung fällt je Kernkraftwerk nur etwa 1% der Gesamtasse an, beim Kernkraftwerk Brunsbüttel nach Angaben der Antragstellerin etwa 2.900 t, und dies insgesamt über ca. 15 bis 20 Jahre verteilt. Dies entspräche ca. 150 LKW à 20 t, d.h. im Mittel unter 10 LKW pro Jahr.  

erschienen am: 2019-09-09 im europaticker



Wir verwenden keine Cookies, weil uns das Surfverhalten von mehr als 1 Millionen Besucher monatlich nichts angeht.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu dem Beitrag:
Ihre Meinung ist uns wichtig!

Impressum (Kurzfassung):
EUROPATICKER mit den Magazinen: Umweltruf, Korruptionsreport und Green IT
Das Magazin mit Hintergrund aus der Entsorgungsbranche
Deutscher Presserat (ID-Nummer 3690)

Herausgeber Hans Stephani
Beratender Betriebswirt - Journalist - Autor
Blumenstr. 11, 39291 Möser
Telefon: 039222 - 4125 Telefax: 039222 - 66664
Der EUROPATICKER Umweltruf erscheint im 19. Jahrgang. Das Ersterscheinungsdatum war der 20. März 2000.

Für die Titel: EUROPATICKER, KORRUPTIONSREPORT und UMWELTRUF nehmen ich Titelschutz nach § 5 Abs. 3 MarkenG. in Anspruch.
Ich unterliege dem Presserecht des Landes Sachsen-Anhalt.
Verantwortlich im Sinne des Presserechtes und nach Telemediengestz (TMG) ist: Diplom-Betriebswirt Hans Stephani.

Anzeigenverwaltung:
EUROPATICKER - Verlag  GmbH, Eingetragen im Handelsregister des Amtsgerichts Stendal unter der Nummer B 2311, Geschäftsführer: Beatrix Stephani, Steuerliche Angaben: Finanzamt Genthin Steuernummer: 103/106/00739, Blumenstr. 11 D-39291 Möser Telefon: 039222 4125, Telefax: telefax@europaticker.de

    Zurück zum Nachrichtenüberblick                                    Diese Meldung ausdrucken