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Industrie für mehr Gipsabbauflächen: Naturschützer dagegen

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Thüringen: Bündnisgrüne weisen Forderung nach Gipsabbauflächen zurück

Zu der Forderung der Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen (AHG) nach einer Verdoppelung der Abbauflächen von Gips insbesondere in Thüringen erklärt der naturschutzpolitische Sprecher von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Roberto Kobelt: „Die Forderungen der Gipsindustrie sind realitätsfern und leider nicht neu. Wenig seriös ist es, dass mit vermeintlichen Gefahren für die Gipsindustrie immer wieder kurz vor Wahlen argumentiert wird. Denn mit den bereits heute im Regionalplan Nordthüringen genehmigten Vorranggebieten für den Abbau hat die Gipsindustrie Planungssicherheit für die kommenden 100 Jahre. Deshalb gibt es keinen ernsthaften Grund, noch mehr Abbauflächen auszuweisen.

Statt unrealistische Forderungen aufzumachen, muss die Gipsindustrie endlich über Innovationen und ressourcenschonende Verfahren nachdenken. Zum Beispiel hat das Gipsrecycling in Deutschland überhaupt noch nicht Fuß gefasst. Der Bereich benötigt endlich eine flächendeckende Erfassung und Investitionen für eine umfassende Verwertung“, so Roberto Kobelt. „Der Ausgleich zwischen den Interessen der Gipsindustrie und den berechtigten Interessen, die Gipskarstlandschaft für die biologische Vielfalt zu sichern, heißt für mich, keinen weiteren Abbau mehr zuzulassen und schrittweise Alternativen für den Rohstoffabbau mit den Unternehmen und der Region zu entwickeln.“

Die wirtschaftliche Bedeutung der Gipsindustrie im Südharz ist in den letzten vier Jahren erheblich gestiegen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die DIW Econ (das Beratungsunternehmen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Berlin) Freitag, 6.9.2019 in Erfurt vorgelegt hat. Danach hat die gesamte Bruttowertschöpfung, die von der Gipsindustrie im Südharz ausgeht, seit 2014 um 18 Prozent auf 108,7 Mio € im Jahr 2018 zugenommen. Die Zahl der Beschäftigten wuchs um 23 Prozent auf 1 647. Auch das gesamte Aufkommen an Steuern und Sozialbeiträgen ist angestiegen, und zwar auf 57,3 Mio €. Die Beträge der Unternehmen im Bereich freiwilliger sozialer Engagements erfuhren mit 41 Prozent ebenfalls einen erheblichen Zuwachs auf 155 000 Euro.

„Diese Zahlen freuen uns“, sagt Lars Kothe, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen (AHG). „Denn unser wirtschaftliches Handeln hat das wichtige Ziel, die Region lebendig zu erhalten und für gut bezahlte Arbeitsplätze und solide öffentliche Einnahmen zu sorgen. Deshalb investieren wir im Südharz auch kontinuierlich. Die Untersuchung von DIW Econ bestätigt uns auf diesem Weg und belegt die wachsende Bedeutung der Gipsindustrie für den Südharz.“ Zur AHG gehören die Firmen Knauf Gips KG (Rottleberode), CASEA GmbH (Ellrich), Saint-Gobain Formula GmbH (Walkenried) sowie die Kohnstein Bergwerks GmbH, Harztor.

Von den Zuwächsen der volkswirtschaftlichen Indikatoren profitiert die Region in besonderem Maße, da die „Aktivitäten der gipsfördernden und -produzierenden Unternehmen in der Region Südharz sowie die daraus resultierenden Bruttowertschöpfungseffekte zugenommen“ haben, wie das Forschungsinstitut feststellt. „Der regionalwirksame Wertschöpfungsanteil der durch die drei gipsfördernden und -produzierenden Unternehmen deutschlandweit angestoßenen 108,7 Millionen Euro Bruttowertschöpfung beläuft sich auf 47,5 Prozent bzw. auf 51,6 Millionen Euro Bruttowertschöpfung in der Region Südharz.“ Maßgeblich dazu beigetragen haben zusätzliche Investitionen in allen beteiligten Unternehmen, schwerpunktmäßig die Effekte eines im Jahr 2016 neu in Betrieb genommenen Werkes in der Region.

Diese Investitionen wirkten sich maßgeblich auch auf die Zahl der Arbeitsplätze aus. Die Unternehmen im Bereich Gipsförderung und -produktion in der Region Südharz verzeichneten in den letzten Jahren einen Beschäftigungsaufbau. Von dem insgesamt angestoßenen Beschäftigungseffekt in Höhe von 1.647 Beschäftigten sind rund 952 Erwerbstätige in der Region Südharz beschäftigt. Das entspricht einem Anteil von 57,8 Prozent.

Die insgesamt deutschlandweit angestoßenen Beschäftigungseffekte konnten im Vergleich zum Jahr 2014 um rund 300 Beschäftigte gesteigert werden, das entspricht einem Beschäftigungsanstieg von 23 Prozent. Auch die von der Gipsindustrie ausgelösten öffentlichen Einnahmen bleiben überwiegend im Südharz. Von den 57,2 Millionen Euro an öffentlichen Einnahmen entfallen 32,3 Millionen Euro Steueraufkommen und Sozialabgaben auf die drei Bundesländer Thüringen, Niedersachsen, Sachsen- Anhalt (56,5 Prozent).

„Wir werden auch künftig in dieser Region verstärkt investieren, sofern wir Sicherheit über künftige Abbaufelder bekommen“, sagt Lars Kothe, der Sprecher der AHG. „Dabei sind für uns naturschonender Abbau und kontinuierliche Renaturierung selbstverständlich.“

BUND-Bundesvorstand im Südharz: Einzigartiger Hotspot der Artenvielfalt muss erhalten werden – Wirtschaftliche Nutzung nicht auf Kosten der Region

Im Mai wanderten der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Hubert Weiger und Mitglieder des Bundesvorstands, auf Einladung des Bundesvorstandsmitglieds Dagmar Becker, MdL, über den Höhenzug „Himmelsberg/ Mühlberg“. Anlass waren die geplanten Erweiterungen der Gipssteinbrüche „Rüsselsee“ und „Himmelsberg“ im aktuellen Entwurf des Regionalplans Nordthüringen sowie die ins Stocken geratene Ausweisung des „Brombergs“ als Naturschutzgebiet. „Der Abbau von Naturgips vernichtet unwiederbringlich weltweit einzigartige Landschaften im Südharzer Gipskarstgürtel“, mahnte Weiger.

Im November 2018 hatte der der BUND Nordhausen seine Stellungnahme zum aktuellen Entwurf des Regionalplans Nordthüringen dem Planungsbüro Sondershausen übbergeben. . Seit Anfang September lag dieser Entwurf vor. Er beinhaltet Gebietserweiterungen von insgesamt ca. 87ha für die Gipsindustrie. Zudem sind auf einer Fläche von 68ha zwei neue „Vorranggebiete vorsorgender Rohstoffgewinnung“ geplant. In seiner Stellungnahme lehnt der Umweltverband die Ausweisung neuer Vorrangflächen zur Gips-und Anhydritgewinnung ab. “Die Erweiterungsflächen um den Rüsselsee und den Himmelsberg zwischen zwei Naturschutzgebieten stellen eine ökologische Katastrophe dar und zerschneiden den Höhenzug Mühlberg-Himmelsberg“, so Heidi Schell, Kreisverbandsvorsitzende des BUND Nordhausen.

Obwohl die bereits bestehenden Abbaugebiete noch für Jahrzehnte den Abbau der Gipsunternehmen sichern, sieht der neue Regionalplan vier Erweiterungen im Bereich Rüsselsee, Hohe Schleife, Ellricher Klipper vor. Zudem sind unter der Rubrik „Vorranggebiete vorsorgende Rohstoffgewinnung“ zwei weitere große Abbauflächen am Kuhberg und zwischen Buchholz und Steigerthal geplant. „Wir fordern die Streichung dieser neu geschaffenen Rubrik, die nur eine weitere Zerstörung der wertvollen Gipskarstlandschaft im Südharz darstellt“, so Heidi Schell. Gegen eine weitere Ausweisung von Vorranggebieten hat der BUND Kreisverband Nordhausen in den letzten 4 Wochen bereits mehr als 2000 Unterschriften gesammelt, die am heutigen Nachmittag zusammen mit der Stellungnahme dem Planungsbüro in Sondershausen übergeben werden. „Die Südharzer Gipskarstlandschaft ist ein weltweit einmaliges Naturjuwel, das über Jahrmillionen entstanden ist. Dadurch beherbergt die Landschaft eine außergewöhnliche Artenvielfalt auf engstem Raum“, so Heidi Schell.

Die Neuausweisungen basieren auf einem Gutachten, das die Regionale Planungsgemeinschaft beim Erfurter Sachverständigenbüro Reyer in Auftrag gegeben hat. Laut des Gutachtens sind zusätzliche Flächen notwendig um den Bedarf an Naturgips für die nächsten 25 Jahre zu sichern. Doch liegen der Berechnung vor allem Angaben der Gipsindustrie zugrunde. Der BUND kritisiert, dass die Bedarfsermittlung auf Grundlage der bisherigen Fördermengen und der allgemein jährlichen Förderrate ermittelt wurde. „Neue Technologien werden hier nicht mit bedacht. Außerdem ist im Landesentwicklungsplan nicht festgeschrieben, dass ein Naturgipsabbau für 25 Jahre gewährleistet werden muss“, sagt Heidi Schell. Der BUND warnt ausdrücklich davor, dass eine Ausdehnung des Gipsabbaus im Interesse einzelner Wirtschaftskonzerne auf Kosten einer nachhaltigen Entwicklung in der Region geschehe. Der sanfte Tourismus in der Region schaffe schon heute mehr Arbeitsplätze als alle Gipsunternehmen gemeinsam.

Die Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen (AHG) ist der 1997 gegründete Zusammenschluss der im Harz und Harzvorland Gips abbau- enden und/oder verarbeitenden Unternehmen. Die Arbeitsgemeinschaft hat es sich vor allem zum Ziel gesetzt, den Aus- tausch zwischen den in Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ansässigen Unternehmen der Gipsindustrie und der Öffentlichkeit zu ge- währleisten. Dazu werden eigene Veranstaltungen durchgeführt, wie z.B. Fachtagungen, Symposien, Werksführungen, um durch Fach- und Sach- information das gegenseitige Verständnis für den Gipsabbau und aber auch die Belange der Mitbürger zu verbessern. Die Gipsindustrie lebt und arbeitet in der Region und ist sich der daraus resultierenden Verantwortung bewusst, daher gehört auch die Unter- stützung kultureller, sozialer und gesellschaftlicher Belange zu den Auf- gaben der Arbeitsgemeinschaft.

Die AHG ist zudem Ansprechpartner der Behörden, anderen Verbände und Institutionen und vertritt die Mitgliedsunternehmen in standortspezi- fischen, regionalen Angelegenheiten, insbesondere wenn es um die Bereiche Rohstoffsicherung und Anlagenbetrieb geht.

Darüber hinaus bietet die Arbeitsgemeinschaft den Mitarbeitern der Gipsindustrie eine Plattform zur engen Zusammenarbeit und zum Austausch über ihre Erfahrungen insbesondere im Bereich der An- lagentechnik, Renaturierung, Rekultivierung - für eine Sicherung der Arbeitsplätze und einem schonenden Umgang mit Natur und Umwelt.

erschienen am: 2019-09-11 im europaticker



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