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Wursthersteller Wilke: Hessisches Umweltministerium kannte Listerien-Verdacht seit 12. August
Nach foodwatch-Kritik an Informationspolitik: Hessen veröffentlicht Liste

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Offenbar mehr als 1.100 Produkte vom Wilke-Rückruf betroffen

Nach Kritik der Verbraucherorganisation foodwatch an der Informationspolitik im Fall Wilke haben die hessischen Behörden am Montagabend auf dem Portal www.lebensmittelwarnung.de eine Liste mit mehr als 1.100 Produkten veröffentlicht. Offenbar handelt es sich um die Liste der vom Rückruf betroffenen Lebensmittel des nordhessischen Unternehmens Wilke. Der Rückruf war wegen einer möglichen Belastung mit Listerien bereits am 2. Oktober erfolgt -

Verbraucherschutzministerin Priska Hinz: „Im Fall Wilke Wurstwaren stellen sich derzeit noch viele Fragen, die beantwortet werden müssen, um Wiederholungen zu vermeiden. Gemeinsam mit der zuständigen Kreisverwaltung, dem Regierungspräsidium Kassel und der Task-Force Lebensmittelsicherheit beim Regierungspräsidium Darmstadt werden wir den vorliegenden Fall analysieren und die erforderlichen Konsequenzen ziehen. Um vergleichbare Fälle in Zukunft möglichst verhindern zu können, werden wir unter anderem die Fachaufsicht bei der Lebensmittelüberwachung stärken. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde bereits im Landtag eingebracht.“ 

SPD: Angesichts der Dimension des Skandals ist die Ministerin gefragt – Hinz muss Verbraucher schützen

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Günter Rudolph, hat die hessische Umwelt- und Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) aufgefordert, den Skandal um den nordhessischen Wursthersteller Wilke zur Chefsache zu machen. Angesichts der Dimension des Vorgangs sei es nicht hinnehmbar, wenn sich die zuständige Fachministerin einfach wegducke.

Rudolph sagte am Montag in Wiesbaden: „Das Ausmaß der Verfehlungen in der Produktion bei der Firma Wilke, die erheblichen Gesundheitsgefahren, die von den Wilke-Produkten offensichtlich ausgehen können, und die Menge der Waren, die wahrscheinlich noch im Umlauf sind, legen es nahe, den Fall zur Chefsache zu machen. Ministerin Hinz kann den Fall nicht einfach den örtlichen Behörden überlassen, sondern muss zum Schutz der Verbraucher aktiv werden. Der erste und wichtigste Schritt wäre, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, unter welchen Markennamen welche Produkte wo verkauft wurden, damit die Kundinnen und Kunden die Wilke-Ware erkennen können, die sich möglicherweise noch im heimischen Kühlschrank findet. Es ist mir ein Rätsel, wieso es nicht möglich sein soll, die entsprechenden Listen, die ja existieren, allgemein zugänglich zu machen. Ich erwarte dass die Ministerin jetzt schnell handelt.“

Umweltministerium kannte Listerien-Verdacht seit 12. August

Das Hessische Umweltministerium hat bereits am 12. August 2019 vom Listerien-Verdacht beim Wursthersteller Wilke erfahren. Das geht aus einer Antwort des Ministeriums an die Verbraucherorganisation foodwatch vom späten Montagnachmittag hervor. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) habe das Ministerium über eine Datenauswertung des Robert-Koch-Instituts informiert, wonach Wurstartikel der Firma Wilke "im Verdacht stehen, Listerien [zu] enthalten", erklärte die Pressestelle des Ministeriums gegenüber foodwatch.

Erst acht Tage später - am 20. August - seien der für die Kontrolle der Firma Wilke zuständige Landkreis Waldeck-Frankenberg sowie das Regierungspräsidium Kassel darüber informiert worden. Bis zur Stilllegung der Produktion und zum weltweiten Rückruf aller Wilke-Produkte vergingen insgesamt mehr als sieben Wochen seit das Ministerium vom Listerien-Verdacht wusste. Inwieweit in diesem Zeitraum Wurstprodukte des nordhessischen Herstellers, die unter konkretem Verdacht einer Listerienbelastung standen, weiter verkauft wurden, geht aus den Angaben nicht hervor.

"Fest steht: Das hat alles viel zu lange gedauert. Der katastrophalen Informationspolitik ist auch noch ein indiskutabel langsames Krisenmanagement vorausgegangen", erklärte foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker.

Den Angaben des hessischen Umweltministeriums zufolge haben den Behörden auch spätestens am 26. August 2019 "Lieferlisten über belieferte Händler der Firma Wilke" vorgelegen. Nach dem nun erfolgten Warenrückruf haben die hessischen Behörden jedoch bis heute keine auch nur annähernd vollständigen Angaben gemacht, welche Produkte von dem Rückruf betroffen sind und an welchen Verkaufsstellen diese vertrieben wurden. Daran ändert auch die heute vom hessischen Umweltministerium öffentlich gemachte Liste einiger Markennamen nichts. Es bleibe weiterhin unklar, an welchen Wursttheken, in welchen Kliniken oder von welchem Caterer Wilke-Produkte an die Verbraucherinnen und Verbraucher abgegeben wurden. Ebenso unklar ist aus Sicht von foodwatch, ob Wilke-Produkte in der Lebensmittelindustrie verarbeitet wurden.

Wenn am 26. August eine Lieferliste vorlag, hätten seitdem auch Verkaufsstellen recherchiert werden können, so die Verbraucherorganisation. Die lückenlose Rückverfolgbarkeit sei eines der Grundprinzipien des Lebensmittelrechts. foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker: "Priska Hinz hat Aufklärung versprochen - aber bisher nur eine Mini-Liste mit Markennamen veröffentlicht. Um welche Produkte und welche Verkaufsstellen es geht, ist weiter offen. Die Ministerin muss jetzt schnell für Transparenz sorgen."

Das Schreiben des hessischen Umweltministeriums veröffentlichte foodwatch am Montag vollständig im Internet. Es handelt sich um die Antwort auf eine erste Liste von Fragen, die die Verbraucherorganisation bereits am 2. Oktober an das Ministerium geschickt hatte. Wegen der zeitlichen Verzögerung sind die Fragen zum Teil überholt. Eine Liste von später übersandten Fragen ist noch offen, ebenso wie eine Auskunft des Landkreises Waldeck-Frankenberg, den foodwatch ebenfalls bereits am 2. Oktober angefragt hatte.

Behörden bringen Wilke-Produkte in Verbindung mit zwei Todesfällen und weiteren Erkrankungen

Die jetzt öffentlich gemachte Liste enthält auch vegetarische und vegane Lebensmittel. Entgegen der bisherigen Behördenangaben sind zudem noch weitere Marken aufgeführt - auch Marken, die nicht auf der ebenfalls heute vom hessischen Umweltministerium publizierten "Markenliste" aufgeführt sind. Weshalb es hier widersprüchliche Angaben gibt, ist foodwatch nicht bekannt.

Weiterhin fehlen Angaben zu den Verkaufsstellen. "Das ist für die Verbraucherinnen und Verbraucher aber besonders wichtig, da die Produkte ja gerade auch als lose Ware an Theken abgegeben oder von Caterern und Kantinen ausgegeben wurden", erklärte foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Spätestens am 26. August 2019 hatte den Behörden eine Lieferliste der Firma Wilke vorgelegen - weshalb nun, fünf Tage nach Beginn der Rückrufaktion, noch immer keine klaren Angaben gemacht werden könnten, sei unverständlich.

Für Rückfragen zu der Produktliste konnte foodwatch das hessische Umweltministerium am Montagabend nicht mehr erreichen. Die Verbraucherorganisation hat keine Information darüber, ob die Liste nunmehr zumindest in Bezug auf die Produkte vollständig ist. Obwohl der Rückruf weltweit erfolgt ist, befinden sich vor allem Produkte auf der Liste, die den Bezeichnungen zufolge im deutschsprachigen Raum vertrieben sein dürften.

FAQs:

Wer ist für die Lebensmittelkontrolle verantwortlich?

Die Zuständigkeit für die Lebensmittelüberwachung liegt bei den Landkreisen, im Falle von den Listerien-Funden in der Firma Wilke beim Landkreis Waldeck-Frankenberg. Das Regierungspräsidium und das Ministerium sind als Fachaufsicht tätig. Mit Bekanntwerden des Zusammenhangs von Listerien in Produkten der Firma Wilke und zwei Todesfällen und Erkrankungen sowie wiederholter Nachweise von Erregern in der Firma, hat der Landkreis in Abstimmung mit dem Ministerium das Unternehmen geschlossen.

Wer ist für den Produktrückruf verantwortlich?

Über einen Produktrückruf zu informieren ist Pflicht des Lebensmittelunternehmers, sowie der Groß- und Zwischenhändler. Es ist eine zentrale Aufgabe des Lebensmittelunternehmers, nicht sichere Lebensmittel ohne schuldhaftes Zögern vom Markt zu nehmen. Falls Produkte bereits an Kunden verkauft wurden, müssen die Käufer mittels eines öffentlichen Rückrufs durch die Lebensmittelunternehmer informiert werden. Die Aufgabe der Veterinärbehörden ist in diesem Zusammenhang lediglich die Überwachung des ordnungsgemäßen Rückrufs, z.B. durch stichprobenartige Überprüfungen, ob die Waren tatsächlich aus dem Verkehr gezogen wurden.

Welche Produkte sind betroffen?

Nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen sind alle Eigenmarken der Fa. Wilke mit dem Identitätskennzeichen „DE EV 203 EG“, ebenso folgende Marken und Handelsnamen, sofern sie das Identitätskennzeichen „DE EV 203 EG“ tragen, betroffen:

•           Haus am Eichfeld

•           Metro Chef

•           Service Bund „Servisa“

•           CASA

•           Pickosta

•           Sander Gourmet

•           Rohloff Manufaktur

•           Schnittpunkt

•           Korbach

•           ARO

•           Findt

•           Domino

•           Wilke

Wie sollten Verbraucherinnen oder Verbraucher vorgehen, wenn sie Fleisch oder Wurst unverpackt an einer Theke gekauft haben?

Viele Wilke-Produkte wurden an Wursttheken in Supermärkten verkauft. Die Kunden werden sicherheitshalber gebeten, im Zweifelsfall bei den jeweiligen Verkaufsstellen nachzufragen, ob dort Produkte der Firma Wilke verkauft wurden.

Warum wurde keine komplette Lieferkette der Produkte von Wilke veröffentlicht?

Die Kundenliste hatte die Firma Wilke am 2.10.2019 vorgelegt. Die Kundenliste enthält nur die direkten Kunden der Firma, bei denen es sich überwiegend um Wiederverkäufer handelt. Sie wurde noch am gleichen Tag allen zuständigen Behörden über das Schnellwarnsystem zur Verfügung gestellt und ist für die Behörden seither Grundlage für die Rücknahmeüberwachung. Die Kundenliste beinhaltet keine Einzelhandelsverkaufsstellen. In welchen Einzelhandelsverkaufsstellen Produkte der Firma Wilke angeboten wurden, ist nach Aussagen der Firma nicht bekannt. Da i.d.R. mehrere Vertriebsstufen bis zum Einzelhandel zwischengeschaltet sind, ist dies keine Besonderheit, sondern bei allen Herstellungsbetrieben der Fall, die den Großhandel beliefern. Eine Liste der Produkte der Firma Wilke liegt dem Landkreis seit heute vor, wird momentan geprüft und soll auf www.lebensmittelwarnung.de veröffentlicht werden.

Welche Maßnahmen wurden zur Verbesserung amtlicher Kontrollen umgesetzt?

Stärkung der Fachaufsicht

Der vorliegende Fall verdeutlicht, dass die Aufsichtsbehörden über ausreichende Weisungsrechte verfügen müssen. Bislang waren in Hessen die Weisungsrechte der Fachaufsicht eingeschränkt und an strenge Voraussetzungen geknüpft. Dies sollte die Position der Kommunen in Folge der Kommunalisierung stärken. Um aber in besonders gelagerten, kritischen Fällen schnell und effektiv reagieren zu können, hat das Verbraucherschutzministerium im Laufe dieses Jahres bereits ein Gesetzgebungsverfahren angestrebt, um u.a. die bislang nur eingeschränkte Fachaufsicht zu streichen. Das Änderungsgesetz soll noch in diesem Jahr in Kraft treten. Die Befugnisse der Aufsichtsbehörden würden dadurch deutlich gestärkt.

Optimale Qualifikation von amtlichem Kontrollpersonal verbessern

Wirksame Kontrollen benötigen ausreichend qualifiziertes Personal. Um die Aus-, Fort- und Weiterbildung kontinuierlich zu verbessern und auf einem hohen Niveau zu halten, werden Baden-Württemberg und Hessen in Zukunft ihre Kräfte bei der Qualifikation des amtlichen Kontrollpersonals bündeln. Dazu unterzeichneten der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Hauck MdL, und Ministerin Priska Hinz am 30. September 2019 am Rande der Agrarministerkonferenz eine entsprechende Vereinbarung zwischen beiden Ländern. Bestmöglich ausgebildete Kontrolleure, die stets auf dem aktuellen Stand der Entwicklung stehen, sind ein unverzichtbarer Baustein zum Schutz der Verbraucher, aber auch zum Schutz der Tiere und der Tiergesundheit, betont Hinz.

Einrichtung einer Task-Force Lebensmittelsicherheit

Im Jahr 2006 wurde beim Regierungspräsidium Darmstadt die Task-Force Lebensmittelsicherheit (TF LMS) als Sondereinheit eingerichtet. In Fällen lebensmittelbedingter Krankheitsausbrüche unterstützt sie die vor Ort zuständigen Behörden bei der Aufklärung der Ursachen. Auch im vorliegenden Fall wurde die TF LMS im Auftrag des Hessischen Verbraucherschutzministeriums eingebunden. Die Ermittlungsergebnisse werden nun zusammengeführt und ausgewertet.

Einführung eines Qualitätsmanagementsystems in Hessen

Das Hygiene- und Qualitätsmanagement im Lebensmittelbereich befasst sich mit der Etablierung und Überwachung von Systemen, die die Sicherheit und Qualität von Lebensmitteln, insbesondere tierischen Ursprungs, gewährleisten. Bereits Ende 2003 wurde auf Veranlassung der Hessischen Landesregierung in Hessen als erstem Bundesland in der Veterinärverwaltung ein Qualitätsmanagement-System (QMS) eingeführt, beginnend mit den Bereichen Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit. Das bislang durch die Verordnung (EG) 882/2004 geregelte QM-System ist als Standard im Kommunalisierungsgesetz der Veterinärverwaltung verankert.

Wie funktioniert ein Produktrückruf?

https://www.test.de/Rueckruf-von-Lebensmitteln

Wo findet man Produktwarnungen?

Unter www.lebensmittelwarnung.de

Wo findet man Hinweise auf Lebensmittelunternehmen mit Hygieneproblemen?

In Hessen auf der Hygienemängel-Plattform unter www.verbraucherfenster.hessen.de Andere Bundesländer haben ebenfalls zentrale Plattformen geschaffen um Betriebe mit Hygienemängeln zu veröffentlichen.

Wo findet man weiter Informationen zu Lebensmitteln und zur Lebensmittelsicherheit?

Unter www.Verbraucherzentrale-hessen.de

erschienen am: 2019-10-07 im europaticker



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