europaticker:
Bio-Spitzenverband im Austausch mit Zivilgesellschaft und Politik zu Klimakrise,
Artensterben und ländliche Entwicklung

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BÖLW-Jahrestagung zu Bio und Gesellschaft

Ob Fridays for Future, Volksbegehren für Artenvielfalt, Bürgerinitiativen oder ganze Städte und Gemeinden: Die Zivilgesellschaft gibt beim Aufbruch in die enkeltaugliche Zukunft längst das Tempo vor. Auch immer mehr Bäuerinnen, Lebensmittelhersteller, -Händlerinnen setzen sich für große Veränderungen in der Land- und Ernährungswirtschaft ein – für mehr gesundes Essen, mehr gesunde Landwirtschaft und eine gesunde Umwelt für alle.

Auf seiner Jahrestagung diskutierte der Bio-Spitzenverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) mit Aktiven der Zivilgesellschaft, ob und welche Politik es für eine enkeltaugliche Lebensmittelwirtschaft und gesundes Essen braucht.
Elke Röder, BÖLW-Vorstand, die in die Tagung einführte, betonte, dass angesichts der drängenden Probleme in Landwirtschaft und Ernährung dicke Bretter mit Geduld und Augenmaß gebohrt werden müssten. Das ginge nur, wenn Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammen arbeiten.

Das erste Panel der Tagung diskutierte, wie Landwirtschaft und Klima zum Dreamteam werden können. Leonard Stephan, Fridays For Future, betonte, die Frage, wie sich jeder einzelne ernährt, sei nur eine Seite der Medaille. Es brauche auch dringend die notwendigen politischen Entscheidungen. Myriam Rapior von der BUND Jugend wies darauf hin, dass es frech sei, von der Jugend die Lösung der Klimakrise zu erwarten. Vielmehr sei es die selbstverständliche Aufgabe der Politik, allen Generationen ein gesundes Leben auf einem gesunden Planeten zu ermöglichen. Am Beispiel des 10-Punkte-Klima-Plans des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) verdeutliche Reinhild Benning, Germanwatch, es fehle dem BMEL-Plan zwar nicht an richtigen Überschriften jedoch an konkreten Inhalten und deren wirksamer Umsetzung. BÖLW-Vorstand Alexander Gerber betonte, der klassische Bio-Betrieb mit flächengebundener Tierhaltung und Kreislaufwirtschaft sei eine gute Blaupause für klimafreundliche Landwirtschaft.

Auf dem zweiten Panel stand die Rolle der Unternehmen für lebendige ländliche Räume im Mittelpunkt. Unternehmer Tobias Till Keye beschrieb an der Höfegemeinschaft Pommern, wie vermeintlich abgehängte Regionen wieder in Schwung kommen können – gerade Bio-Unternehmen machten hier einen guten Job. Der Gründer des Ernährungsrates Köln, Valentin Thurn, betonte das große Potenzial, das in den Kommunen und Landkreisen schlummert – etwa was den Aufbau regionaler Vermarktungsinfrastruktur oder der Gemeinschaftsverpflegung angeht. Lea Leimann von Slow Food Youth entlarvte die oft verbreitete Erzählung, für mehr Bio fehle es an der Nachfrage. Leimann betonte, die Politik könne und müsse durch Transparenz für die Bürger und einen klaren Ordnungsrahmen für die Betriebe den Weg für Bio freimachen. Der BÖLW-Vorstand für den Bereich Herstellung, Volker Krause, rief die Unternehmen zu mehr Engagement auf. Krause wies auch darauf hin, dass enkeltaugliches Wirtschaften in den Betrieben aber nur dann funktioniert, wenn sich Schäden durch klima- oder biodiversitätsschädliche Praktiken in den Preisen widerspiegeln. Denn nur mit wahren Preisen gelänge ein nachhaltiges Umsteuern.

Sehr lebendig diskutierte das letzte Panel, wie Artenvielfalt die Äcker wieder leben lässt. BÖLW-Vorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein betonte, beim Thema Artensterben „brennt die Hütte“ ebenso wie bei der Klimakrise. Johann Lüttke-Schwienhorst machte am Beispiel der Volksinitiative Artenvielfalt Brandenburg deutlich, die Zivilgesellschaft habe das erkannt – und fordere entschiedenes politisches Handeln ein. Lüttke-Schwienhorst verdeutlichte: Das Aktionsprogramm Insektenschutz der Bundesregierung sei vor allem durch Druck der Bürgerinnen und Bürger in der gesamten Bundesrepublik entstanden. Politische Schlüsselinstrument zum Umsteuern Richtung insektenfreundliche Landwirtschaft sei die Gemeinsame EU-Agrarpolitik, betonte Maura Beusch von der WWF Jugend. In Bezug darauf wies Anne Kienappel von der NAJU hin, es gäbe längst Landwirte, die im Sinne von Hummel und Co wirtschaften, insbesondere Bio-Bäuerinnen und Bauern. Die Bios könnten als Vorbild für nachhaltige Landwirtschaft dienen.

Abschließend kamen die Agrarverantwortlichen der Bundestagsfraktionen zu Wort.
Albert Stegemann von der Union warb für Verständnis für die aktuelle Befindlichkeit vieler Landwirte und Landwirtinnen. Er betonte, Änderungen im Sektor seien notwendig, aber nur gemeinsam mit den Bauern möglich. Der Ökolandbau sei hier ein wichtiger Innovationsmotor.

Rainer Spiering von der SPD-Bundestagsfraktion erläuterte am Beispiel seiner Heimatregion in Niedersachsen, wie groß der Veränderungsbedarf sei und stellte als Lösungsansätze volle Transparenz, Digitalisierung und eine Abkehr in der EU-Agrarpolitik von pauschalen Flächenprämien heraus.

Gero Hocker, FDP-Bundestagsfraktion, sagte, dass der Entfremdung zwischen Stadt und Land begegnet werden müsse. Der Abgeordnete wies auch darauf hin, die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung werde an der Ladenkasse entschieden.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Kirsten Tackmann betonte, dass man Landwirtschaft grundsätzlich neu denken müsse, dazu brauche es einen Systemwechsel. Große Sorgen bereite Tackmann die Entwicklung am Bodenmarkt mit dem zunehmenden schädlichen Einfluss landwirtschaftsfremder Investoren. Hier dürfe die Regierung nicht länger zusehen.

Friedrich Ostendorff, Bündnis 90/Die Grünen, blickte auf über fünfzig Jahre in Landwirtschaft und Agrarpolitik zurück. Mit dieser Erfahrung gab der Abgeordnete zu bedenken, dass das Prinzip Freiwilligkeit nicht funktioniere. Die Politik müsse den Sektor gestalten und einen verlässlichen Rahmen für die Betriebe vorgeben.

BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig bemerkte abschließend, dass die spürbare Ungeduld vieler Gäste der Tagung ob der drängenden Herausforderungen in Landwirtschaft und Ernährung nur allzu verständlich sei. Es käme deshalb jetzt darauf an, dass Landwirtinnen, Lebensmittelherstellerinnen und -Händler selbst ein mutiges Bild für Landwirtschaft und Ernährung der Zukunft entwerfen. Der Berufsstand müsse zeigen, wie genau er sich ihre Beiträge zur Lösung der drängenden Probleme vorstellt. Nur so könne der Sektor eine gestaltende Rolle für seine eigene Zukunft einnehmen. Und nur auf dieser Grundlage gelänge es, dass Praktiker mit Politik und Gesellschaft aushandeln können, wer welchen Beitrag zu den Veränderungen und ihrer Finanzierung leisten muss. 

erschienen am: 2019-11-07 im europaticker



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