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Sachsen-Anhalts Landesregierung will erst vor einem Jahr von PFC-Kontaminationsverdachts-
flächen auf Truppenübugsplätzen erfahren haben

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Schädigungsverdacht von Trinkwasser durch PFC-Löschschaum auf Truppenübungsplätzen

Dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie (MULE) in Sachsen-Anhalt seien Erkenntnisse zu PFC-Belastungen auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow seit Oktober 2018, auf den Truppenübungsplätzen Altmark und Klietz seit März 2019 bekannt, hat die grüne Ministerin Claudia Dahlbert auf eine Anfrage von Linken Abgeordneten mitgeteilt. Das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUD Bw) hatte zu diesen Zeitpunkten jeweils die Berichte zur „Orientierenden Untersuchung an PFC-Kontaminationsverdachtsflächen“ für die Truppenübungsplätze Altmark und Altengrabow gleichzeitig dem MULE und den als untere Bodenschutzbehörde und untere Wasserbehörde zuständigen Landkreisen Börde bzw. Jerichower Land übersandt. Der vom BAIUD Bw dem MULE übersandte Bericht zur orientierenden Untersuchung für den Truppenübungsplatz Klietz wurde über das Landesverwaltungsamt an den zuständigen Landkreis Stendal weitergeleitet.

Die Bundeswehr hat durch den Einsatz von gesundheitsschädlichem Löschschaum zahlreiche Standorte verunreinigt. Laut BR ist die Kontamination mit PFC-Chemikalien an 18 Standorten bestätigt. Der erste Fall einer PFC-Verunreinigung an einem ihrer Standorte ist der Bundeswehr nach eigenen Angaben seit 2012 bekannt. Es handelt sich um den Standort Roth in Mittelfranken. Die Sanierung könnte teuer werden.

Der Truppenübungsplatz Altengrabow ist ein über 9000 Hektar großes militärisches Übungsgelände bei Altengrabow im Fläming. Er wurde für das IV. Korps der Preußischen Armee angelegt; 1891 begann der Übungsbetrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Übungsplatz von 1945 bis 1994 von den sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland belegt. Seitdem wird das Gelände von der Bundeswehr genutzt. Zeitweilig sind hier auch NATO-Alliierte, insbesondere Truppen aus den Benelux-Staaten, zu Gast. Der Truppenübungsplatz liegt überwiegend in Sachsen-Anhalt, ein kleinerer Anteil im Osten des Areals liegt auf Brandenburger Gebiet.

Der Truppenübungsplatz Altmark (auch: Gefechtsübungszentrum Altmark, abgekürzt GÜZ) ist ein militärisches Trainingsgebiet der Bundeswehr in der Colbitz-Letzlinger Heide im Norden von Sachsen-Anhalt. Er befindet sich etwa 40 Kilometer nördlich von Magdeburg zwischen Haldensleben, Gardelegen und Stendal. Mit einer Fläche von rund 232 Quadratkilometern ist er der drittgrößte Truppenübungsplatz Deutschlands und gilt als modernster Truppenübungsplatz Europas.

Ab 1934 wurde unter anderem eine 30 Kilometer lange Artillerieschießbahn für die Heeresversuchsanstalt Hillersleben auf diesem Gelände angelegt. Ab 1936 testete die Wehrmacht dort Artilleriewaffen und später auch schwere Waffen wie das Dora-Geschütz. Bis April 1945 baute die Wehrmacht die Infrastruktur und die technischen Anlagen zur Schießerprobung dort immer weiter auf das damalige Höchstmaß aus. Ab Juli 1945 nutzte die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) die Kasernenanlagen im Süd- und Nordbereich des Geländes als Stationierungsorte und baute den Platz zum reinen Gefechtsschießplatz um. Für das Großmanöver „Waffenbrüderschaft 80“ (1980) wurden große Waldgebiete gerodet, um die nutzbaren Zielflächen zu vergrößern. Dabei erhielt der Übungsplatz seine heutigen Umrisse. Zeitweise stationierte die Sowjetarmee auf diesem westlichsten Übungsplatz bis zu 20.000 Soldaten.

Von 1990 bis 1994 wurden die sowjetischen Truppen aus dem Gebiet der früheren DDR abgezogen. Bis 1997 baute die Bundeswehr auf dem Gelände ein neues Gefechtsübungszentrum auf und nutzte dabei die Infrastruktur der Kasernenanlagen in Planken. 2001 wurde die neugebaute Kaserne in Letzlingen an die Bundeswehr übergeben. 2004 brach die neue, von CDU und FDP geführte Landesregierung den „Heidekompromiss“ von 1997, wonach die Südhälfte des Gebiets zivil genutzt werden sollte, und erlaubte eine militärische Nutzung über 2006 hinaus. Bis 2007 wurde Munition industriell vom Platz geräumt. Bis 2009 wurde der Südteil baulich angeschlossen. 2010 wurde eine etwa 1.700 m lange Behelfslandebahn im Nordteil fertiggestellt. 2011 begann eine aufwendige Entsorgung von Altlasten auf dem ehemaligen Dekontaminationsplatz der GSSD im Südteil.

Entsprechend einer Anfrage des BAIUD Bw hat sich das MULE im April 2019 zu den in Sachsen-Anhalt aktuell für PFC anzuwendenden Bewertungsgrundsätzen geäußert und auf den aktuellen Arbeitsstand einer von der Umweltministerkonferenz beauftragten Bund-Länder-Arbeitsgruppe zu der Thematik hingewiesen.

Die weiteren, für eine abschließende Gefährdungsabschätzung erforderlichen Detailuntersuchungen haben im Auftrag der Bundeswehr auf allen drei Liegenschaften begonnen. Die Ergebnisse werden den jeweils als untere Bodenschutz- und Wasserbehörden zuständigen Landkreisen zugeleitet.

Zur Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Wulf Gallert und Kristin Heiß in der Drs. 7/5288 zur Kontamination von Truppenübungsplätzen mit PFC-Chemikalien erklären die Fragesteller: „Die Landesregierung bestätigt, dass die Truppenübungsplätze Colbitz-Letzlinger Heide, Klietz und Altengrabow mit PFC (per- und polyflorierte Chemikalien) verunreinigt sind. Sie gelten als so gut wie nicht abbaubare und sich in den Organismen anreichernde Stoffe mit mäßiger akuter Toxität. Es besteht der Verdacht, dass sie Krebs begünstigen und die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen. Der Mensch nimmt sie vor allem über Nahrung und verunreinigtes Trinkwasser auf.

Diese Fakten sind vor allem deswegen besorgniserregend, weil diese Chemikalien unter anderem innerhalb und am Rande des Wasserschutzgebietes Colbitz-Letzlinger Heide nachgewiesen wurden. Weder die Landesregierung noch die Bundesregierung sind nach eigener Einschätzung bisher in der Lage, eine verlässliche Gefährdungsabschätzung vorzunehmen und verweisen auf weitergehende Detailuntersuchungen. Dies betrifft auch ausdrücklich die Gefährdung des Trinkwasserreservoirs in der Colbitz-Letzlinger Heide.

Die besondere Belastung von Truppenübungsplätzen durch diese Chemikalien entsteht durch die häufige Verwendung von Löschschaum aufgrund von Bränden in der Folge militärischer Übungen.

Obwohl das Ausmaß der Gefährdung für die Trinkwasservorräte für etwa 700.000 Menschen in Sachsen-Anhalt unklar ist, sieht sich die Landesregierung nach eigener Aussage nicht in der Pflicht, entsprechend aktiv zu werden, sondern verweist auf die Zuständigkeiten der Bundesregierung und der unteren Wasserbehörden. Diese Inaktivität ist nicht akzeptabel. Wir fordern die Landesregierung auf:
1. Alle bisherigen und zukünftigen Erkenntnisse über die Kontamination öffentlich zugänglich zu machen.
2. Darauf zu drängen, dass neben einer möglichen Verunreinigung von Grundwasser auch die Folgen für Fauna und Flora durch diese Kontamination untersucht werden.
3. Sich gegenüber der Bundesregierung dafür einzusetzen, einen Masterplan für den Umgang mit den kontaminierten Flächen zu entwickeln, der die Gefährdungspotentiale der Verunreinigung minimiert.
4. Darauf zu drängen, den Einsatz von PFC-haltigen Löschschäumen zumindest auf dem Truppenübungsplatz Colbitz-Letzlinger Heide grundsätzlich zu untersagen, um die dortigen Trinkwasservorräte zu schützen. Falls für den Einsatz von Brandbekämpfung PFC-haltige Löschschäume unverzichtbar sind, so muss der Übungsbetrieb, der vor allem in den letzten Jahren häufig zu Flächenbränden geführt hat, unter der Bedingung von Trockenheit eingestellt werden.“

erschienen am: 2019-12-02 im europaticker



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