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Bereitstellung eines hohen Energieertrags bei vergleichsweise geringem Flächenverbrauch.
Tiefe Geothermie kann fossile Energieträger ersetzen

Die baden-württembergische Landesregierung bekräftigt die Rolle der tiefen Geothermie als wichtigen Baustein der Energiewende für eine nachhaltige Wärme- und Stromerzeugung. Sie unterstützt den Ausbau der tiefen Geothermie im Land und wird sich dafür engagieren, die Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Einsatz der tiefen Geothermie zu verbessern. Das hat das Kabinett in seiner Sitzung am 24. März beschlossen.

„Die tiefe Geothermie kann einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten“, sagte Umweltminister Franz Untersteller heute (25.03.) in Stuttgart. „Allerdings spielt sie bislang bei der Wärme- und Stromversorgung hierzulande nur eine untergeordnete Rolle. Dabei gibt es in Baden-Württemberg sehr gute Potenziale. Mit dem gestrigen Beschluss spricht sich der Ministerrat für deren Nutzung aus.“

Bereitstellung eines hohen Energieertrags bei vergleichsweise geringem Flächenverbrauch.

Ein entsprechender Forschungsantrag zur Entwicklung und Erprobung der Technologie durch das Landesforschungszentrums Geothermie (LFZG), an dem das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) maßgeblich beteiligt ist, wurde bewilligt. Die Entscheidung steht im Zusammenhang mit dem Klimaschutzgesetzt des Landes, das eine Reduktion der Treibhausgasemission um 90 Prozent bis zum Jahr 2050 vorsieht.

„Mit dem Beschluss zur tiefen Geothermie in Baden-Württemberg hat die Landesregierung ein wichtiges Zeichen gesetzt“, findet Professor Frank Schilling, Leiter des LFZG am KIT, „dabei kommt es vor allem darauf an, die bisherige Fokussierung auf den Stromsektor bei der tiefen Geothermie um den Wärmesektor zu ergänzen. Die Geothermie kann in diesem Sektor einen erheblichen Beitrag zur Energiewende leisten, weil Baden-Württemberg für die Wärme dringend eine umwelt- und klimafreundliche Alternative braucht. Heute wird Wärme hier immer noch überwiegend durch die Verbrennung von Erdöl, Erdgas und Kohle gewonnen. Gemeinsam mit nationalen und internationalen Spezialisten wollen wir nun eine Roadmap zur Entwicklung der Tiefen Geothermie auf den Weg bringen, damit die Wärmewende rascher gelingt.“

Dr. Birgit Müller, die Geschäftsführerin des LFZG am KIT ergänzt: „Es ist konsequent und zielführend für Baden-Württemberg, auch im Bereich Wärme klimaschonende Technologien zu unterstützen. Mit der Tiefen Geothermie in Kombination mit Wärmenetzen haben wir zusammen mit der Oberflächennahen Geothermie hocheffiziente Optionen private Haushalte sicher und nachhaltig mit Wärme zu versorgen. Dabei müssen für jeden Standort die geeigneten Voruntersuchungen des geologischen Untergrunds erfolgen, die Bürgerschaft transparent informiert und in den Standortauswahlprozess eingebunden werden. Die Geothermie ist im Prinzip ein bewährtes Verfahren wie die jahrzehntelange Nutzung der Anlagen im Pariser Becken und die seit den Römern genutzten Thermalbäder bei uns in Baden-Württemberg zeigen. Sie muss für die aktuellen Anforderungen der Energiewende nur intensiver genutzt werden.“

Professor Thomas Kohl vom Institut für Angewandte Geowissenschaften am KIT und Sprecher der Großforschungsinitiativen zur Geothermie am KIT betont in diesem Zusammenhang die großen Potenziale im Land: „Unter Baden-Württemberg liegen die größten bekannten thermischen Anomalien in Deutschland mit über 170 Grad Celsius in drei Kilometern Tiefe. Diese Wärme gilt es zu nutzen, zumal das Potenzial des Untergrundes – zumindest in menschlichen Maßstäben – unerschöpflich ist. Um diese Energie effizient und sicher zu nutzen, erforschen wir nun mit großen Projekten die Gegebenheiten sowie die Auswirkungen einer Nutzung auf die Umwelt. Mit innovativen Forschungsprojekten im Bereich der Tiefen Geothermie sowie mit der Ausbildung der zukünftigen Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet hat sich das KIT dabei bereits seit Jahren stark positioniert.“

Eva Schill, Professorin für Geophysik in Reservoirsystemen und Leiterin neuer Forschungsinfrastrukturen am KIT sieht neben der Gewinnung von Erdwärme auch ein enormes Wärmespeicherpotenzial in der Geothermie: „Die große Herausforderung in der Energiewende ist es, erhebliche Energiemengen vom Sommer in den Winter zu übertragen. Geothermie kann hier einen großen Beitrag leisten. Wie dies sicher und nachhaltig geht, möchten wir mit einem Demonstrationsprojekt am KIT untersuchen.“ Von großer Bedeutung sei es nun bei allen Aktivitäten die Bevölkerung einzubinden: „Es ist wichtig die Bürgerinnen und Bürger nicht nur zu informieren, sondern auch als Teil der Entwicklung an Vorhaben zu beteiligen. Das müssen wir anpacken.“

Plattform EE BW: Potenziale für eine klimafreundliche Wärmeversorgung in Baden-Württemberg besser nutzen

In Baden-Württemberg gibt es insbesondere im Oberrheingraben und in Oberschwaben große Potenziale für die Nutzung der Tiefen Geothermie. Sie sollen nach einem Beschluss der Landesregierung vom 24. März 2020 nun besser genutzt werden. Zu diesem Zweck erstellt das Umweltministerium eine Road Map mit verschiedenen Maßnahmen. „Die Entscheidung der Landesregierung für einen stärkeren Einsatz der Tiefen Geothermie ist ein starkes Signal. Die Technologie kann die Stromerzeugung grüner machen und wesentlich zum Ausstieg aus der fossilen Wärmeerzeugung beitragen“, sagt Franz Pöter, Geschäftsführer der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg. Jetzt komme es auf die konkrete Ausgestaltung des Fahrplans an, so Pöter.

Als Tiefe Geothermie bezeichnet man die klimafreundliche Nutzung der Erdwärme aus Tiefen zwischen 400 und 4.000 Metern. Experten schätzen, dass rund zehn Prozent des deutschen Energiebedarfs geothermisch gedeckt werden können. Für den effizienten Einsatz im Wärmesektor sind Wärmenetze in den Kommunen eine zentrale Voraussetzung. „Der Ausbau der Wärmenetze muss Teil der Road Map Tiefe Geothermie sein“, fordert Pöter. „In Oberschwaben reichen die Temperaturen eher für eine Versorgung auf Quartiersebene. Die Fernwärmenetze in Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg dagegen könnten vollständig durch Erdwärmeanlagen versorgt werden.“ Bislang werden sie aus fossilen Quellen, etwa der Abwärme aus Kohlekraftwerken, gespeist.

Der Verein wird sich aktiv in den Prozess der Road Map Tiefe Geothermie einbringen. Gemeinsam müssen die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass sich eine schlagkräftige Industrie zur Nutzung dieser bislang unterschätzten Energieressource in Baden-Württemberg entwickeln kann.

Tiefe Geothermie – wichtiger Eckpfeiler für Energiewende und Klimaschutz

Der Ausbau der tiefen Geothermie sei für die Erreichung der baden-württembergischen Klimaschutzziele fundamental wichtig, betonte der Minister. „Die damit verbundenen Herausforderungen wollen wir gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Unternehmen, Ingenieurbüros, Verbänden und Kommunen meistern. Dazu verankern wir verschiedene Maßnahmen in einer Road Map Tiefe Geothermie.“

Der Fokus sei insbesondere darauf gerichtet, die Öffentlichkeit über Chancen und Risiken der Tiefen Geothermie zu informieren und möglichen Vorbehalten der Bevölkerung fachlich fundiert zu begegnen, erläuterte Untersteller. „Darüber hinaus geht es darum, die technischen und wirtschaftlichen Potenziale für profitable Projekte zu untersuchen, Erschließungskonzepte zu entwickeln und Netzwerke für die Umsetzung von Projektideen zu knüpfen.“

Zur Entwicklung und Erprobung eigenständiger Maßnahmen durch das Landesforschungszentrums Geothermie (LFZG) hat das Umweltministerium einen entsprechenden Forschungsantrag bewilligt. Das LFZG hat seinen Sitz am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

NABU: Tiefen-Geothermie für Energiemix der Zukunft nutzen

Zum Ausbau der Tiefen-Geothermie im Land sagt der NABU-Landesvorsitzende, Johannes Enssle: „Die Tiefen-Geothermie kann im Energiemix der Zukunft eine wichtige Rolle spielen, weil sie unabhängig von Witterung, Tages- oder Jahreszeit kontinuierlich Energie zur Verfügung stellt. Besonders positiv ist ihr geringer Flächenbedarf im Verhältnis zur Leistung. Geothermische Kraftwerke prägen die Landschaft weniger deutlich, als beispielsweise die Windenergie, und können gut in den Siedlungsbereich eingepasst werden. Da gerade im Wärmebereich die Energiewende bisher kaum vorangekommen ist, hat hier die Tiefen-Geothermie besonderes Gewicht. Aus ökologischer und ökonomischer Sicht sind Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zu bevorzugen. Sie produzieren Strom und nutzen gleichzeitig die anfallende Abwärme.“

Sylvia Pilarsky-Grosch, Landesgeschäftsführerin des BUND Baden-Württemberg: „In Bayern wird die Tiefe Geothermie schon mutig angegangen, in der Schweiz gibt es richtungsweisende Projekte. Dass sich auch die baden-württembergische Landesregierung klar für die Nutzung Tiefer Geothermie zur Energiegewinnung ausspricht, ist ein gutes Zeichen. Gemeinsam mit anderen erneuerbaren Wärmequellen, wie Solarthermie, Umweltwärme aus Flüssen und Biomasse, wird die Geothermie das Rückgrat unserer zukünftigen Wärmeversorgung bilden. Insbesondere im Rheingraben hat die Geothermie ein sehr hohes Potential. Da in der Region Mannheim auch schon größere Wärmenetze existieren, ist die aus tiefen Schichten gewonnene Wärme gut und schnell in die Haushalte zu bringen. Bisher stammt die Wärme im dortigen Netz hauptsächlich aus Steinkohle, einem der klimaschädlichsten Energieträger. Mit dem Umstieg auf Geothermie und andere erneuerbare Energien kann so der Klimaschutz einen großen Schritt vorangebracht werden. Eine gute wirtschaftliche Entwicklung wird nur noch klimaschonend möglich sein, hierfür kann die Tiefe Geothermie einen wichtigen Beitrag leisten.“

Tiefe Geothermie ist eine ausreichend erprobte und, professionell umgesetzt, eine sichere Energiequelle. Wichtig bei ihrer Nutzung ist eine umfassende Planung, die insbesondere den Schutz des Grundwassers und des Gesteins, eine möglichst geringe Wasserentnahme zu Kühlzwecken, Naturschutz- und Immissionsschutzaspekte beachtet.

Weitere Informationen:
Webseite des BUND zu Erneuerbaren Energien: https://www.bund-bawue.de/themen/mensch-umwelt/klima-und-energie/erneuerbare-energien/

Ergänzende Informationen:

Die Nutzung der tiefen Geothermie bietet viele Vorteile wie