europaticker:
Beschäftigten in den Branchen der IG BCE fordern mehr Unterstützung und Engagement
von Politik und Wirtschaft
Transformation des Industriestandorts im Fokus

Die Gewerkschaften sollten darauf drängen, dass beide Seiten Klimaschutz und Digitalisierung aktiver angehen. Das wünscht sich eine klare Mehrheit von 56 Prozent der Teilnehmer einer Mitglieder- und Beschäftigtenbefragung, deren Ergebnisse die IG BCE bei ihrer Jahrespressekonferenz vorgestellt hat. Jeder dritte der mehr als 17.000 Befragten bundesweit sieht die Aufgabe der Gewerkschaften zuvorderst darin, darauf zu drängen, dass Unternehmen durch Klimaschutz und Digitalisierung nicht überfordert werden.

„Die Umfrage gibt uns kräftige Rückendeckung für unsere Position: Den Industriestandort in einem gesamtgesellschaftlichen Kraftakt zu einem globalen Technologieführer der Transformation zu machen – das muss das Ziel sein“, sagte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. „Darin liegt die große Chance für eine Zukunft mit guter Industriearbeit, mit wettbewerbsfähigen Unternehmen, mit neuem, qualitativem Wachstum.“ Seit Jahren fordere die IG BCE mehr Investitionen in klimagerechte Produkte und Produktionsverfahren sowie eine klares Commitment der Unternehmen, dabei zuerst die inländischen Standorte zu bedenken.

Die IG BCE versteht sich als Treiberin einer realistischen und sozial gerechten Transformation – und will auf die Herausforderungen der kommenden Dekade umfassend vorbereitet sein. „Sie soll Antworten geben können auf völlig neue Fragen – und damit für ihre Mitglieder Garant für den Ausgleich von sozialen, ökonomischen und ökologischen Positionen bleiben. Weil sich nur treu bleibt, wer sich verändert“, sagte Vassiliadis. Die Gewerkschaft hat deshalb den Strategieprozess „Perspektiven 2030+“ gestartet, der auf dem 7. Gewerkschaftskongress 2021 in neue industrie-, tarif- und organisationspolitische Leitbilder münden wird.

Wie gewaltig allein die Herausforderungen einer treibhausgasneutralen Industrie bis 2050 seien, skizzierte Vassiliadis am Beispiel der energieintensiven Chemiebranche. Die Umstellung auf eine CO2-freie Produktion werde ihren Strombedarf verelffachen. Allein die heimische Chemieindustrie werde dann so viel Strom benötigen wie heute die gesamte Bundesrepublik – und der müsse komplett aus erneuerbaren Energieträgern kommen. Das geht aus einer Studie des Branchenverbands VCI hervor, an der auch IG-BCE-Fachleute mitgewirkt haben. Vassiliadis sieht mittelfristig Hunderttausende Industriejobs in Gefahr, „wenn wir hier zu Lande keine sichere und bezahlbare Versorgung mit ausreichend CO2-freiem Strom sicherstellen können“. Es brauche einen Energie-Pakt aller relevanten gesellschaftlichen Gruppen, um die Energiewende insgesamt neu zu denken.

Als Vorbild könne die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ dienen, die einen Konsens zum Auslaufen der Kohleverstromung ausgearbeitet hatte. Das daraus folgende Kohleausstiegsgesetz dürfe diesen fein austarierten Kompromiss nicht aus dem Gleichgewicht bringen, forderte Vassiliadis. „Wir werden keine Änderungen akzeptieren, die eine soziale Abfederung dieses staatlich verordneten Arbeitsplatzabbaus erschweren.“ Das Konzept der Kommission sieht unter anderem eine funktionsfähige Weitervermittlung für jüngere vom Kohleausstieg betroffene Beschäftigte auf gleichwertige Arbeitsplätze in ihrer Region vor, sowie einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Berufsleben ohne nennenswerte finanzielle Nachteile für Arbeitnehmer ab 58 Jahren.

erschienen am: 2020-01-14 im europaticker



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