europaticker:
Landrat Bernhard: Wir mussten die Schlachtungen leider untersagen
Landkreis Böblingen: Berichte über massive Tierschutzverstöße am Schlachthof Gärtringen

Landrat Roland Bernhard hatte Dienstag ( 8.9.) Vertreter des Schlachthof-Betreibers, der Metzger-Innung und des Kreisbauernverbandes zu einem Runden Tisch eingeladen. Dabei haben die Teilnehmer die Rahmenbedingungen besprochen, wie der Schlachthof Gärtringen wieder den Betrieb aufnehmen kann. Das Landratsamt hatte vergangenen Donnerstag Schlachtungen im Schlachthof Gärtringen vorläufig untersagt. Filmaufnahmen aus dem Gärtringer Schlachthof sorgten für Empörung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, auch eine Schließung des Betriebs ist nicht ausgeschlossen.

Stammt regional produziertes Fleisch wirklich immer aus einer artgerechten Tierhaltung?

Erhebliche Zweifel daran verbreiteten Videoaufnahmen aus dem Schlachthof in Gärtringen, die sich seit vergangenen Freitag in den sozialen Netzwerken rasant verbreiten. Dreieinhalb Minuten dauert der mit versteckten Kameras gedrehte Film, den der Verein Soko Tierschutz online gestellt hat. Zu sehen sind massive Gewaltanwendungen gegen die Schweine und Rinder. Mitarbeiter treten die Tiere mit Gewalt in eine Betäubungsbox, rammen ihnen eine Stange in den After und verabreichen zahlreiche Elektroschocks.

„Unser Ziel ist es, die bäuerlichen Strukturen im Land zu stärken und die regionale Vermarktung hochwertiger Lebensmittel weiter voranzubringen. Mit Hilfe von Fördermitteln des Landes hat die IG ‚Schlachtung mit Achtung‘ in enger Abstimmung mit den Behörden eine teilmobile Schlachteinheit zur Rinderschlachtung ‚auf dem Hof‘ entwickelt. Mit dieser Form der Schlachtung können die Interessen von Verbrauchern, Tierhaltern und regionalen Fleischbetrieben sowie des Tierschutzes noch besser zusammengebracht werden“, sagte der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Hauk MdL, am Donnerstag (3. September) anlässlich eines Besuchs auf dem Biohof der Familie Weber in Kandern-Riedlingen (Landkreis Lörrach). Auf dem Hof der Familie Weber komme die genannte mobile Schlachteinheit für Rinder regelmäßig zum Einsatz.

Die Schlachtung von Haustieren ist bisher grundsätzlich nur in einem hierfür nach EU-Recht zugelassenen Betrieb möglich. Daher muss nach jetziger Rechtslage auch der mobile Schlachtraum von der zuständigen Behörde als Teil des stationären Betriebes oder das gesamte System als mobile Schlachtanlage zugelassenen werden.

THEKLA WALKER: Wir müsen wissen, was im Schlachthof vorgefallen ist

Nach Berichten über massive Tierschutzverstöße am Schlachthof Gärtringen fordert die tierschutzpolitische Sprecherin der Landtagsgrünen Thekla Walker Landwirtschaftsminister Peter Hauk auf, für eine schnelle und lückenlose Aufklärung zu sorgen. „Filmaufnahmen der Soko Tierschutz zeigen Szenen von brutal gequälten Tieren. Die Bilder, die in den sozialen Medien kursieren, sind kaum auszuhalten. Wir müssen wissen, was im Schlachthof Gärtringen vorgefallen ist und ob Misshandlungen von Tieren dort System haben.“

Die SOKO Tierschutz hat inzwischen Strafanzeige erstattet (https://www.presseportal.de/pm/110736/4692770). Die heimlich aufgenommenen Szenen zeigen schlimme Misshandlungen von Rindern und Schweinen durch Mitarbeiter. Die Soko Tierschutz hat zudem massive bauliche Mängel dokumentiert, für die der Schlachthofbetreiber verantwortlich gemacht wird.

Thekla Walker betont, der Vorfall in Gärtringen reihe sich ein in Missstände an Schlachthöfen, die regelmäßig durch Tierschützer aufgedeckt werden - so etwa auch am Schlachthof in Tauberbischofsheim Anfang 2018. Thekla Walker: „Es ist unverständlich, dass die Aufklärung in beiden Fällen über Tierschützer erfolgen musste und nicht über staatliche Kontrollstellen. Es muss geklärt werden, warum die staatlichen Systeme hier wiederholt versagt haben.“

Thekla Walker fordert grundsätzlich eine verbesserte Überwachung an Schlachthöfen. Ein vielversprechender Ansatz dazu ist für sie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI): Sensoren zeichnen demnach die Schlachtung an einem oder mehreren Punkten auf, zum Beispiel beim Abladen, Betäuben und bei der Entblutung oder in den Warteställen und Treibgängen. Dabei erkannte mögliche Verstöße gegen das Tierwohl werden zur Überprüfung an Veterinäre weitergeleitet. Die Grüne Landtagsfraktion finanziert dazu aktuell eine Studie -  der Zwischenbericht ist vielversprechend. Thekla Walker: „Künstliche Intelligenz bietet aus unserer Sicht gute Möglichkeiten, Missstände schnell und lückenlos aufzudecken und ihnen dadurch Einhalt zu gebieten. Wir fordern Minister Hauk auf zu prüfen, wie KI-Lösungen zur Dokumentation und Verhinderung von Tierschutzverstößen im Schlachtvorgang in Zukunft flächendeckend eingesetzt werden können. Die gehäuften Vorfälle zeigen, dass systemische Ursachen vorliegen.“

Thekla Walker hat klare Erwartungen an den baden-württembergischen Landwirtschaftsminister: „Wir erwarten von Minister Hauk, dass er ein umfassendes Konzept zur Weiterentwicklung der Schlachtung in Baden-Württemberg vorlegt. Auch wenn Landkreise und Regierungspräsidien für die Kontrollen zuständig sind, muss der Minister endlich übergreifende Verantwortung übernehmen.“

Udo Stein MdL: Tierquälerei im Schlachthof Gärtringen – Dem untätigen Minister Hauk war das Kontrolldefizit seit 2018 bekannt

Schon im April 2018 hatte Udo Stein MdL, agrar- und tierschutzpolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) auf das Kontrolldefizit im Schlachthof Gärtringen hingewiesen. Das Schreiben enthielt nicht nur Fragen und Kritik, sondern auch konkrete Vorschläge. So forderte Stein vor zweieinhalb Jahren den Minister auf, im Schlachthof Webkameras installieren und unangemeldete Kontrollen durchführen zu lassen sowie einen rechtlichen Schutz für Whistleblower.

Ein selbstherrlicher Minister, der Hinweise und Forderungen für lästigen Demokratie-Schnickschnack hält, bekommt jetzt die Quittung. Er hätte zweieinhalb Jahre Zeit gehabt, sich um die Missstände in Gärtringen zu kümmern, die AfD hatte ihre Kritik damals nicht öffentlich gemacht. Gleichzeitig werden Hausmetzger, Direktvermarkter und kleine Metzger auf dem Dorf immer weiter mit bürokratischen und praxisfremden Hygieneanforderungen überzogen und vielfach zum Aufgeben gezwungen.

„Was muss noch kommen, damit ein Politiker dieser abgewirtschafteten grün-schwarzen Koalition Verantwortung übernimmt?“ fragt Stein. „Nach der Schließung des Schlachthofs in Tauberbischofsheim Anfang 2018 hätte der Minister sich kümmern müssen. Er hätte mit einer Transparenzoffensive die baden-württembergischen Schlachthöfe unterstützen und zu korrekter Arbeit zwingen können. Wir haben ihm die nötigen Hinweise und Zeit gegeben. Und der grüne Koalitionspartner schweigt.“

Landrat Roland Bernhard: „Wir mussten die Schlachtungen leider untersagen,

was die Metzger und Landwirte vor große, kurzfristige Herausforderungen stellt. Die Verantwortung liegt beim Betreiber. Wir wollen die Betroffenen aber nicht im Stich lassen, sondern einen Weg weisen, wie es weitergehen kann. Mit einem schlüssigen Gesamtkonzept ist die Wiederinbetriebnahme möglich.“

Hans-Georg Schwarz, Stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernbauernverbands erklärt: „Der Schlachthof ist ideal für uns Landwirte, denn er bietet kurze Transportwege. Die Offenheit der Runde ist die richtige Einstellung, damit wir zu guten und zügigen Ergebnissen kommen.“

Matthias Scherer, Obermeister der Metzger-Innung Böblingen, sagt: „Alle Teilnehmer haben glaubwürdig gemacht, wie wichtig der Weiterbetrieb ist. Wir müssen nun rasch und gründlich handeln, damit die Interimsphase für die Metzger von kurzer Dauer ist und eine schnelle Rückkehr nach Gärtringen möglich ist.“

Das notwendige Gesamtkonzept muss für insgesamt zehn Punkte eine verbindliche Umsetzung vorsehen mit kurzen Fristen. Bestimmte, besonders Tierwohl-relevante Kernpunkte müssen sofort umgesetzt werden, damit eine Wiederinbetriebnahme möglich wird. Dazu gehören z.B. Standardarbeitsanweisungen für die Mitarbeiter des Schlachthofes und ein Ersatz für die vorhandene Betäubungsanlage.

„Mit einem schlüssigen Gesamtkonzept ist Wiederinbetriebnahme möglich.“

Zur Erarbeitung des Gesamtkonzeptes wird sich in den nächsten Wochen ein Arbeitskreis zusammensetzen bestehend aus einem Vertreter des Schlachthof-Betreibers, der Metzger-Innung, des Kreisbauernverbandes und des Veterinärdienstes im Landratsamt. Alle Teilnehmer erklärten einvernehmlich, dass Gründlichkeit vor Schnelligkeit geht, eine Eröffnung jedoch realistisch ist. Der Runde Tisch wird sich zu einer erneuten Sitzung treffen, sobald das Gesamtkonzept erarbeitet ist.

Darüber hinaus fand auch ein erster Gedankenaustausch über eine mittelfristige Stärkung des Schlachthofs im Rahmen der Regionalvermarktung statt. Hier streben alle Beteiligten eine enge Einbindung des Schlachthofes an. Ziel ist, mehr Transparenz der Verarbeitung von der Aufzucht der Tiere über die Schlachtung bis zur Theke herzustellen und über definierte Standards die hohe Qualität von Produkten und das Tierwohl zum Ausdruck zu bringen.

Quellen:

erschienen am: 2020-09-13 im europaticker



Wir verwenden keine Cookies, weil uns das Surfverhalten von mehr als 1 Millionen Besucher monatlich nichts angeht.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu dem Beitrag:
Ihre Meinung ist uns wichtig!

Impressum (Kurzfassung):
EUROPATICKER mit den Magazinen: Umweltruf, Korruptionsreport und Green IT
Das Magazin mit Hintergrund aus der Entsorgungsbranche
Deutscher Presserat (ID-Nummer 3690)

Herausgeber Hans Stephani
Beratender Betriebswirt - Journalist - Autor
Blumenstr. 11, 39291 Möser
Telefon: 039222 - 4125 Telefax: 039222 - 66664
Der EUROPATICKER Umweltruf erscheint im 21. Jahrgang. Das Ersterscheinungsdatum war der 20. März 2000.

Für die Titel: EUROPATICKER, KORRUPTIONSREPORT und UMWELTRUF nehmen ich Titelschutz nach § 5 Abs. 3 MarkenG. in Anspruch.
Ich unterliege dem Presserecht des Landes Sachsen-Anhalt.
Verantwortlich im Sinne des Presserechtes und nach Telemediengestz (TMG) ist: Diplom-Betriebswirt Hans Stephani.

Anzeigenverwaltung:
EUROPATICKER - Verlag  GmbH, Eingetragen im Handelsregister des Amtsgerichts Stendal unter der Nummer B 2311, Geschäftsführer: Beatrix Stephani, Steuerliche Angaben: Finanzamt Genthin Steuernummer: 103/106/00739, Blumenstr. 11 D-39291 Möser Telefon: 039222 4125, Telefax: telefax@europaticker.de

    Zurück zum Nachrichtenüberblick                                    Diese Meldung ausdrucken