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Kreisverwaltung stellt Strafantrag gegen sich "Umweltschützer" nennende Reservatbetreiber
Jerichower Land: Streit über ertrunkene Nabu-Tiere

Im Jerichower Land ist ein Streit zwischen der Kreisverwaltung und dem Naturschutzbund Nabu entstanden. Nach dem Abfluss des Wassers in den überschwemmten Gebieten rund um Jerichow wurden Dutzende Tierkadaver gefunden, darunter ertrunkene Rinder und Pferde. Die Tiere gehörten dem Nabu. Der strategische Partner des Woffsburger Volkswagenkonzerns NABU betreibt einen "Natur-Erlebnis-Park" in der Größe von 10 Hektar. Dieser liegt im länderübergreifenden Biosphären-Reservat "Flusslandschaft Elbe". Der "Natur-Erlebins-Park" dient als Stützpunkt geförderter Beschäftigung in der Region Burg und ist Ausbildungsstandort für die Berufssparte Garten- und Landschaftsbau. Angrenzend besitzt der Verein zahlreiche, untereinander vernetzte Biotopflächen (25 Hektar), die nach den NatSchG LSA geschützt sind.

Der Landkreis Jerwichower Land kündigte an, Strafanzeige zu stellen.

Kadaver von mehreren Wildpferden und Wildrindern sind nach dem Hochwasser bei Jerichow gefunden worden. Das Hochwasser hatte sie mitgerissen. Nachdem bereits am Wochenende sieben tote Pferde und ein Rind gefunden wurde, haben Fluthelfer Montag weitere Kadaver gefunden. Die Tiere gehören zu den Herden, die vom Naturschutzbund (NABU) Kreisverband Stendal bei Jerichow im Bucher Brack gehalten wurden. Am 3. Juni hatte das Ordnungsamt den NABU aufgefordert, die Tiere in Sicherheit zu bringen. Während des Winterhochwassers 2010/11 waren die Tiere vom Wasser schon einmal eingeschlossen. Damals wurde das Verhalten des NABU-Chefs angezeigt. Die Staatsanwaltschaft Stendal stellte ihre Ermittlungen aber ein.

Der Besitzer habe es trotz rechtzeitiger Ankündigung versäumt, die Tiere in Sicherheit zu bringen, so ein Sprecher der Jerichower Kreisverwaltung. Unterdessen hat der Nabu immer wieder beteuert, nicht rechtzeitig über die Gefahr informiert worden zu sein. "Die Vorwarnzeit war einfach zu kurz", so Peter Neuhäuser, Leiter des NABU-Kreisverbandes Stendal. Das hat am Freitag (21.06.2013) NABU-Naturschutzexperte Till Hopf allerdings widerlegt.

Hopf erklärt in einem der Presse zur Verfügung gestelltem Interview, welche Maßnahmen aus seiner Sicht notwendig sind, um die verheerenden Folgen zukünftiger Hochwasser zu vermeiden. Zu Beginn räumt der Experte auf die Frage, wie es zu den schlimmen Ausmaßen der Überschwemmungen kommen konnte, ein: "Hochwasser seien ein regelmäßig wiederkehrender Vorgang in der Natur. Anfang Juni kamen einige Faktoren zusammen, die diese Katastrophe ausgelöst haben. Zum Einen hatten wir ein Extremwetterereignis: Auf großer Fläche kam es in kurzer Zeit zu sehr hohen Niederschlägen. Betroffen waren große Teile Deutschlands von Brandenburg bis hin zu den Alpen. Zum Anderen herrschte auch schon vorher eine feuchte Witterung. Dadurch waren die Böden bereits gesättigt und konnten kein zusätzliches Wasser mehr aufnehmen".

Tote Rinder und Wildpferde im Bucher Brack bei Jerichow
Zwischenstand der Untersuchungen des Veterinäramtes des Landkreises Jerichower Land
 
Die Ortsbegehungen und Tierbergungen fanden am Samstag, dem 22.06. und Montag, dem 24.06.2013 statt. Diese Maßnahmen werden fortgesetzt, da auch am Dienstag,  25.06.13, weitere Tiere gefunden wurden. Es wurden bisher 10 Pferde und 17 Rinder festgestellt, die das Hochwasser nicht überlebten. In dieser Zahl sind auch das erschossene Rind und das im Bereich Fischbeck eingeschläferte Rind enthalten. Es wird mit dem Fund weiterer Tierkadaver gerechnet. Bisher wurden nur 3 überlebende Rinder im Bucher Brack gesichtet.
Die Tiere gehörten dem NABU Naturschutzbund Deutschland, Kreisverband Stendal e.V. und sind offensichtlich ertrunken.
 
Zur eindeutigen Nachweisführung wurden Obduktionen beauftragt - das Ergebnis liegt noch nicht vor.
 
Durch die Stadt Jerichow, den Landkreis Jerichower Land sowie den Landesbetrieb für Hochwasserschutz LHW, wurden in den vergangenen Jahren mehrfach die Haltungsbedingungen der Tiere im Überflutungsgebiet der Elbe kritisiert und verlangt, die Eingrenzung der Tiere mit festen Stacheldrahtzäunen abzubauen und eine Evakuierung der Tiere bei Hochwasser vorzubereiten - leider ohne zufriedenstellendes Ergebnis, schreibt die Presestelle des Jerichower Landkreises.
 
Eine Strafanzeige gegen den Besitzer ist seitens des Landkreises Jerichower Land nach Abschluss des Verwaltungsverfahrens beabsichtigt.

Mit Unverständnis nimmt der Landkreis die Äußerungen des Vereinsvorsitzenden Dr. Peter Neuhäuser in der Öffentlichkeit zur Kenntnis. Bereits am 03.06.13 wurde der NABU dringend aufgefordert, die Tiere zu evakuieren.
Am 06.06.13 reagiert eine Anwaltskanzlei als rechtliche Interessenvertretung des NABU KV Stendal mit folgenden Aussagen:

" … ist ein unbeschadetes Überleben der Weidetiere sehr realistisch …“
"... Eine zwingende Notwendigkeit ... (zum Abtransport der Tiere)  … ergibt sich nach unserer Auffassung jedoch … nicht.“
Diese Aussagen liegen der Stadt Jerichow und dem Landkreis vor.

Sie stehen im krassen Gegensatz zu den Aussagen des Herrn Peter Steinhäuser, die Vorwarnzeit von weniger als 24 Stunden wäre zu kurz für eine Rettung gewesen. Offensichtlich war eine Evakuierung der Tiere, wie schon 2011 vom NABU praktiziert, nicht beabsichtigt. 

Die Bebauung durch den Menschen ist eine Ursache für die außergewöhnliche Stärke dieses Hochwassers
NABU-Naturschutzexperte Till Hopf: das hat die Lage zusätzlich verschärft, da viele Gebiete rund um die Flüsse in Deutschland großflächig versiegelt und bebaut sind. Hinzu kommt, dass Ackerflächen durch intensive Landwirtschaft verdichtet sind und das Wasser schlecht im Boden versickern kann. Das führt dazu, dass das Wasser der starken Regenfälle vor allem oberflächlich abfließt und sich zunächst den Weg zu kleineren Bächen und Flüssen sucht. Da diese jedoch stark begradigt und an den Ufern verbaut sind, ist die Fließgeschwindigkeit deutlich erhöht. So fließt das Wasser schnell durch diese Flüsse hindurch und erreicht gleichzeitig die größeren Flüsse – wie zum Beispiel die Elbe – die diese Wassermassen nicht schnell genug weiterleiten können.

Viele Gebiete stehen oder standen nun viele Tage komplett unter Wasser. Schadet diese langanhaltende Überschwemmung unserer Tier- und Pflanzenwelt?

Grundsätzlich gehören Hochwasser zum natürlichen Lebensraum Fluss dazu und viele Tier- und Pflanzenarten sind an diese regelmäßigen Überflutungen angepasst. Daher kann sich die Natur gut wieder davon erholen, obwohl das eine Weile dauern kann. Vor allem dort, wo die Flächen durch Eindeichungen schon seit vielen Jahren nicht mehr überflutet werden, hat sich ein neuer Lebensraum entwickelt, der nicht mehr an die regelmäßige Überflutung angepasst ist. Betroffen sind zum Beispiel Wiesenbrüter wie Bekassinen, Kiebitze und Braunkehlchen. Sie werden durch die Überschwemmung dazu gezwungen, ihre Gelege aufzugeben oder verlieren ihre Jungvögel. Ebenso können viele Laufkäfer oder kleinere Säugetiere wie Feldmäuse oder Kaninchen häufig nicht entkommen. Doch es gibt auch Gewinner in der Natur: Vor allem Graureiher und Störche finden jetzt viel Nahrung.

weiter auf den Seiten des NABU


erschienen am: 2013-06-27 im europaticker

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